Der Kanister wiegt sicherlich fünfzehn Kilo oder noch mehr, aber Leon wuchtet ihn lässig auf den Tisch, und dann strahlt er. Alle mal kurz hersehen, ruft er in den Raum, das hier ist wichtig, das ist das Fundament, auf dem alles aufbaut. "Neutralalkohol, 42 %" hat irgendwer auf den Plastikcontainer geschrieben. Mit Edding, in krakeligen Buchstaben. Das ist jetzt nicht unbedingt das, was wir erwartet haben.

Wir sind hier, um uns von Leon in die Welt des Gins einführen zu lassen, in die Geheimnisse, die feinen Nuancen. Wir wollen Wissen erwerben, mit dem man Barkeeper beeindrucken kann und fremde Frauen bezirzen. Gin ist ja gerade ziemlich angesagt, warum auch immer, zuletzt war es Single Malt, wer weiß, was als Nächstes dran ist. Leon Dalloway jedenfalls ist Barmann und selbst ernannter Botschafter in Sachen Gin. In London, wo das Getränk ursprünglich herkommt. Seit Kurzem bietet er Gin Journeys an, bei denen man kleine Destillerien besucht und ausgewählte Bars, die sich auf Gin spezialisiert haben. Von Leon wollen wir lernen, wie man die eine Sorte von der anderen unterscheidet. "Ah, ein Sipsmith!", wollen wir später sagen können und an der Bar das passende Tonic zum Hendrick’s aussuchen, so was alles – da wirkt ein Industriebottich Neutralalkohol doch etwas irritierend, zumal in dieser Umgebung. Das Opium liegt im schummrigen Obergeschoss eines Hauses in Londons Chinatown, am Ende mehrerer steiler Treppen, auf denen man sich beim Aufstieg ermahnt, später beim Hinabsteigen vorsichtig zu sein. Es sieht aus wie die Kulisse zu einem Agentenfilm, der im Shanghai der zwanziger Jahre spielt. Es ist die erste Station unserer Tour. Unsere Initiation gewissermaßen.

"Die meisten Leute glauben, Gin werde aus Wacholder hergestellt. Das stimmt aber nicht!" Leon klopft einen kleinen Trommelwirbel auf dem Kanister. Wir stellen unsere Martinis ab, die wir zur Begrüßung von einer Asiatin mit Pagenschnitt in die Hand gedrückt bekommen haben. Leon erklärt, dass Gin auf Neutralalkohol basiert, der nach nichts schmeckt, außer nach Neutralalkohol. "Um den kümmert sich der Destillateur. Er manipuliert ihn. Verändert ihn. Mit Wacholder, das ist die wichtigste der Zutaten. Dazu kommen andere, bis zu 40, 50 verschiedene. Die Rezeptur ist natürlich Betriebsgeheimnis!" In den Bars, in denen Leon arbeitet, ist es wahrscheinlich sehr laut, anders lässt sich das Volumen nicht erklären, mit dem er seine vierzehn Kursteilnehmer beschallt. Ein Texaner ist dabei, zusammen mit zwei dicken Freundinnen aus Boise in Idaho, wo Gin offenbar gerade ebenfalls populär ist. Die meisten anderen kommen aus London. Leon ruft jetzt, man müsse einen Gin nach vier Kriterien beurteilen, um ihm auf die Spur zu kommen. "Wie viel Wacholder schmeckt ihr? Wie stark sind die Zitrusnoten? Welche Kräuter dominieren? Und welche Gewürze?"

Unsere erste Kostprobe, der Elephant Gin, kommt aus – Hamburg. Woher bitte? Aber ja, erklärt Leon, tolle Sache: Einige der besten Gins stammten gar nicht aus England, sondern aus Deutschland. Ganz feine Produkte würden dort hergestellt: Monkey 47, The Duke Munich, Adler Berlin. Und ebendieser hier, der Elefanten-Gin! Wir probieren. Schmeckt wie Gin. Wir schnüffeln, wir nippen, wir fahnden nach Kräutern und Gewürzen. Na, ruft Leon, seht ihr: Ganz schön schwierig! Da müssen wir noch viel lernen! Aber jetzt gibt es erst mal einen Cocktail, einen "An Elephant Never Forgets". Außer dem Elefanten-Gin ist da Brombeerlikör drin, dazu kommen drei Spritzer Limette und ein paar Tropfen Lavendelbitter, aufgefüllt wird mit Traubenschorle. Das Ganze schmeckt wie etwas, von dem man bei einer Jause in den Alpen ratzfatz zwei Halbe kippen würde. Wirkung zeigt es auch: Als Leon den Start der Gin Journey ankündigt, bricht lauter Jubel aus. Zuvor aber schnell noch einen zweiten "An Elephant Never Forgets"! Leider hat eine der Amerikanerinnen vergessen, wie steil die Treppe ist. Sie stolpert beim Hinabsteigen und bricht sich einen Absatz.

Leon hat den Bus organisiert, mit dem wir kurz darauf durch London fahren. Er nutzt den Feierabendverkehr, um ununterbrochen Anekdoten rauszuhauen. Wie die amerikanische Mafia während der Prohibition mit Gin dealte, weil man den morgens destillieren und mittags verkaufen konnte – langsam reifenden Whiskey dagegen hätte man jahrelang vor der Polizei verstecken müssen. Wie der Wodka den Gin in den 1970ern komplett vom Markt verdrängte, weil selbst drei Wodka-Cocktails zum Lunch keine olfaktorischen Spuren hinterlassen. Kurze Quizrunden gibt es auch, und kleine Gin-Fläschchen als Preise, gerne auch zum Sofortverzehr. Die Stimmung ist ziemlich ausgelassen.

Dann sind wir im Tower of London, in dessen Restaurant man uns große Gläser mit Gin Tonic serviert. Den kennt natürlich jeder, auch der Texaner und die zwei Frauen aus Idaho. Sie sagen "G ’n’ T", als handele es sich um eine Musikrichtung. Der Gin Tonic sei für medikamentöse Zwecke erfunden worden, ruft Leon in die Runde. Im 19. Jahrhundert. Damals wütete in Indien die Malaria unter den britischen Soldaten. Chinin half, aber nur in extrem hohen Dosen. Damit die Truppen ihre Medizin nicht gleich wieder ausspuckten, wurde ihr Tonicwasser mit gesüßtem Gin versetzt. Aus mutmaßlich prophylaktischen Gründen lässt unser Reiseleiter nun Gin Tonics in allen möglichen Variationen mixen, immer andere Gins, mit immer anderen Tonics. Sie schmecken allesamt großartig. Und Wacholderbeeren gibt es auch. Getrocknet. Ich merke, dass ich vorher etwas hätte essen sollen, von den Beeren wird man ja nicht satt. Sie sind mickrig klein. Für eine Flasche Gin braucht es trotzdem nur zwei oder drei. "Kann das sein?", schreibe ich auf, "werden wir hier verschaukelt?" Der Texaner malmt, als habe er Kaugummi im Mund. Wahrscheinlich hat er nie zuvor im Leben eine Beere gegessen. Nur tellergroße Steaks.

Der nächste Stopp auf unserer Tour sieht aus wie ein speakeasy aus der Prohibitionszeit. Dieses Mal führt die Treppe steil nach unten. Eine Frau im Cocktailkleid geleitet uns in einen Raum mit einem ausgestopften Hirschkuhkopf an der Wand. Nebenan scheint irgendwer irgendwas herzustellen, durch die halb geöffnete Tür sieht man Metallfässer, Kabel, Schläuche und mehrere Gasflaschen. "Destillation in Progress" steht auf einem Schild, wenn das mal stimmt. Und der Gin des Hauses? Jeder identifiziert andere Zutaten, Kardamom, Grapefruit, Holunder, alles. Leon lobt uns, offenbar machen wir Fortschritte. Ich schmecke vor allem Wacholder. Aber der Cocktail des Hauses hat es in sich! Er wird in einer Tasse serviert, mit Tee-Ei und Zitronenscheibchen, und blubbert und dampft lustig vor sich hin, weil der Barkeeper ihn mit Trockeneis angereichert hat. "The Portobello Cup" besteht aus Gin, Yorkshire-Tee, Mango, Fenchel und Sternanis und schmeckt so, dass man ihn am liebsten teekannenweise nachbestellen würde. Leider müssen wir aber schon wieder los. Beim Verlassen des Etablissements verwechsle ich die Türen und lande in einer Art Besenkammer. Zum Glück entdeckt mich die Frau im Cocktailkleid und führt mich hinauf ans Licht.