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Ausgerechnet ein Buch, das sich dem menschlichen Verdauungstrakt widmet, führt seit Monaten die Sachbuch-Bestsellerliste an. Wundert uns das? Der Erfolg dieses unaufgeregten, nicht auf Provokation setzenden Buches wäre nicht erklärbar, wenn es nicht tatsächlich ein echtes Aufklärungsbedürfnis gäbe. Die Welt ist eben doch nicht so total ausgeleuchtet, wie man immer meint. Die gängige progressive Geschichtsvorstellung, wonach es immer weniger Konventionen, Etiketten und Tabus, vulgo: Verklemmtheiten gebe, ist weder wünschenswert, noch beschreibt sie den Sittenwandel angemessen. Der Bereich dessen, was mit Scham belegt ist, mag sich ändern, aber er schrumpft nicht.

Giulia Enders’ Darm mit Charme – Alles über ein unterschätztes Organ übergibt ein Thema einem gesellschaftlichen Gespräch, für das wir sonst nur unsere Privatsprache haben. Dabei kann das Medium Buch seine Stärke voll ausspielen: Im Buch kann etwas öffentlich und allgemein werden, obwohl man als Leser mit sich allein, also unbeobachtet bleibt. Bücher funktionieren so gesehen als Testläufe für neue Sagbarkeiten.

Natürlich muss man bei diesem Thema sofort an Charlotte Roches Hämorrhoiden-Klassiker Feuchtgebiete denken – auch das war ein Mega-Bestseller, und auch dieses Buch führte explizit einen aufklärerischen Kampf, Tabus zu brechen und etwas auszusprechen, was sonst nur in Arztpraxen thematisch wird. Natürlich sind die beiden Bücher grundverschieden, aber sie zeigen beide, dass der Mensch an seinem Körper zu tragen hat. Auch wenn das, biblisch gesprochen, Fleisch nicht mehr der primäre Ort der Sünde ist, so bringt es uns doch immer noch in Verlegenheit. Die Beruhigungsformel, dass das alles ganz natürlich sei, ist gut gemeint, entspannt die Situation aber im konkreten Ernstfall nicht.

Charlotte Roche betonte lustvoll den Ekel, den alles Körperliche hervorruft, und wählte eine offensive Gegenstrategie, indem sie das Eklige möglichst drastisch benannte. Giulia Enders, Jahrgang 1990 und Doktorandin am Institut für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Frankfurt, geht einen anderen Weg. Sie erklärt alle Vorgänge rund um den Darm zu einem solchen biologischen Wunderwerk, dass die Vorstellung von Ekel angesichts solcher ingenieurhafter Präzisionsarbeit völlig unangemessen erscheinen muss. Ansonsten umschifft sie die Klippen des Peinlichen durch einen leicht gouvernantenhaften Ton aufgekratzter Unverkrampftheit: "Ein Rülps oder Pups klingt vielleicht ulkig, aber die Bewegung dabei sieht so filigran aus wie die einer Balletttänzerin."

Die Scham, mit dem alles Körperliche belegt ist, hat mit dem Moment des Nichtkontrollierbaren zu tun. Das Subjekt ist nicht Herr über seinen Körper. Der Darm arbeitet effizient, aber ist nur sehr begrenzt durch unseren Willen steuerbar. Das eigentliche zivilisatorische Wunder besteht in unserer Fähigkeit, zwischen Privatheit und Gesellschaft zu unterscheiden: Mit welcher Selbstverständlichkeit rülpst ein Mensch nach einem Schluck Cola selig vor sich hin, wenn er allein ist. Und zugleich verlässt er sich darauf, dass er diesem behaglichen Gefühl des Sich-Gehen-Lassens nicht nachgeben wird, wenn er unter Leuten ist. Anders gesagt: Giulia Enders’ Buch eignet sich nicht für Lesekreise.