Lange war ich nicht mehr in der israelischen Nationalbibliothek. Jetzt erklimme ich die breite Vortreppe, auf der Suche nach Stille in einer Stadt, die widerhallt von Mord und Vergeltung, von Randale und Rassismus, von den Drohnen politischer Extremisten und den Sirenen, die uns vor Raketen aus Gaza warnen. Jerusalem ist ausgelaugt von Gewalt, der realen und der latenten. Ich lebe in einer Stadt der Angst.

Die Angst vergiftet unseren Alltag.

Neulich hat eine palästinensische Freundin, eine Fernsehjournalistin, ihre Einladung zum gemeinsamen Fastenbrechen nach Beit Hanina zurückgezogen. In dem arabischen Viertel wurde der 16-jährige Mohammed Abu Chdeir in ein Auto gezerrt und erlitt einen grausigen Tod im Jerusalem Forest, vermutlich von der Hand jüdischer Extremisten. Meine Freundin fand, ein Jude sollte jetzt besser nicht beim Betreten ihrer Wohnung gesehen werden.

Eine andere Palästinenserin will nicht mehr mit mir Kaffee trinken. Weil rachsüchtige Juden Araber attackieren und rechte Zeloten "Tod den Arabern" rufen, sagt die westlich erzogene Kollegin, die an derselben Universität lehrt wie ich, unsere Verabredung ab. Wir wollten uns in der Mamilla Mall treffen, am Jaffator, einem der acht Jerusalemer Stadttore, das in das christliche und das armenische Viertel führt. Entschuldigend sagt sie: "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Angst haben würde, jüdischen Boden zu betreten. Lass uns ein Weilchen abwarten."

Während wir warten, treibt uns eine absurde Angst zur Verleugnung unserer Gemeinsamkeiten.

Ein anderer palästinensischer Kollege von der Al-Kuds-Universität vermutet neuerdings, dass die Entführung und Ermordung der israelischen Teenager Ejal Jifrach (19), Gilad Schaar (16) und Naftali Fraenkel (16) vielleicht inszeniert worden sei: "Wer so voller Hass ist, wie die Mörder des unschuldigen palästinensischen Jungen, die ihn bei lebendigem Leib verbrannten, könnte auch drei junge Juden töten, um sie zu Märtyrern zu machen – und einen Grund zu haben für den Völkermord an den Palästinensern." Währenddessen hat ein israelischer Akademiker, den ich kenne, den öffentlichen Ruf nach einer jüdischen Gewissensprüfung abgelehnt. Das Wort von Präsident Schimon Peres über unsere moralische Krise will der Kollege nicht hören. "Jetzt bringt Zion Schande über sich", hatte Peres gesagt. Mein Bekannter weigert sich zu glauben, dass Juden schuld am Tod von Abu Chdeir sein könnten. "Vielleicht ist das nur die neueste Lüge in einer langen Geschichte blutiger Verleumdungen."

Dazu fällt mir ein Vers von Jehuda Amichai ein: "Jerusalem steht auf den hohlen Fundamenten eines unterdrückten Schreis." Nur dass die Schreie jetzt immer lauter werden.

Ich lebe direkt am Damaskustor, das ins muslimische und ins jüdischen Viertel führt, auf der Grenze zwischen Ost und West. Als ich diese Woche durch die muslimische Altstadt ging, jaulten die Sirenen Code Red!, Minuten später hörte ich das Wummern der Einschläge. Eine Gruppe Palästinenser lachte und pfiff und drängte sich auf die Via Dolorosa, um einen besseren Blick auf zwei Rauchfahnen zu erhaschen, die vom Iron Dome aufstiegen, Israels Raketenabwehrsystem. "Fickt die Juden", sagte ein junger Mann auf Englisch.

Wer die Stufen der Bibliothek bis nach oben geht, steht plötzlich vor einem riesigen Bleiglasfenster. Mordecai Ardon schuf ein überwältigendes Farbspiel aus Sattblau und Flammendrot. Zwei Jahre lang arbeitete der Meister an Jesajas Friedensvision: "Denn von Zion soll das Gesetz und das Wort Gottes ausgehen ... Und sie sollen ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Rebmessern; das Volk soll nicht das Schwert erheben gegen das Volk, noch Krieg führen."

Ardon hatte in den 1920er Jahren am Bauhaus bei Paul Klee und Wassily Kandinsky studiert, 1933 floh er aus Nazideutschland nach Jerusalem. Drei Jahrzehnte später schrieb er in einem Brief an einen Amsterdamer Museumsdirektor, wie die Stadt seine Kunst veränderte: "Etwas Fremdes mischt sich unter das Cadmiumrot, das Ultramarinblau und das Viridiumgrün. Manchmal kann ich es verscheuchen. Aber am nächsten Morgen ist es zurück."