DIE ZEIT: Die WM ist vorbei – haben Sie Entzugserscheinungen?

Jürgen Flimm: Nein! Fußball ist mein schönster Zeitvertreib, fast so schön wie Theater – aber wenn der Vorhang fällt, ist es vorbei, hier wie dort. Obwohl ich ein paar Spieler wahnsinnig gern gehabt habe. Das ist jetzt nicht besonders originell, aber der Herr Müller, der Herr Lahm – die sind wirklich wunderbar gewesen. Und das Tor von Götze war absolut genial: mit der Brust gestoppt, Drehung, bumms, drin. Der kleine Mann, dieser junge Mensch aus dem Ruhrgebiet!

ZEIT: Warten Sie auf die DVD mit den Highlights?

Flimm: Ich möchte gerne das Endspiel noch mal in Ruhe sehen – ohne Herzklopfen! Furchtbar war das! Aber ich bin ja Schlaganfallpatient, da ist es gut, wenn man einen angeregten Kreislauf hat.

ZEIT: Frage an den Theatermann: Wie beurteilen Sie das Schauspiel der WM insgesamt?

Flimm: Es war jedenfalls nicht wie erwartet. Ich hatte gewettet, dass die Brasilianer Weltmeister werden. Und sie sind eingegangen wie die Primeln, das war eine echte Tragödie. Beim 1 : 7 habe ich innerlich gefleht: Gebt ihnen wenigstens noch ein Törchen, nur eins! Und dann haben alle so geweint, das war furchtbar. Die Deutschen sind da durchmarschiert, dass es schon an Sadismus grenzte.

ZEIT: Und wie finden Sie die Auftritte der deutschen Spieler nach einer Partie? Werden die nicht immer nichtssagender?

Flimm: Aber Ihre Kollegen stellen auch Fragen von einer unglaublichen Blödheit. "Jetzt sind Sie Weltmeister – wie fühlen Sie sich?" Kein Wunder, dass Mertesacker sagt: "Sie haben nicht alle Tassen im Schrank!" Ich gebe aber zu: Es ist schwer, in einer solchen Situation gute Fragen zu stellen.

ZEIT: Was würden Sie fragen?

Flimm: Nichts! Jede Frage ist in so einer Situation kleinkariert. Die liegen auf dem Boden und haben Wadenkrämpfe. Der wackere Ritter Schweinsteiger hat sich die Fresse polieren lassen, das ist grandios, da muss man nicht mehr so viele Fragen stellen. Per Mertesacker, würde ich sagen, das war eines der besten Spiele, das Sie je gemacht haben, herzlichen Glückwunsch! Dann würde ich ihm das Mikrofon einfach hinhalten, der sagt schon was.

ZEIT:Philipp Lahm ist als Kapitän zurückgetreten, haben Sie Verständnis für seine Entscheidung?

Flimm: Seeehr klug! War er immer schon. Jetzt ist er dreißig, und es geht sofort wieder los, diese Qualifikationsdinger, diesmal für die EM. Und am Ende werden sie vielleicht nur Dritter – was hat er davon? Jetzt ist er Weltmeister. Soll er mit 34 noch mal Weltmeisterschaft spielen? Da wird er sich besser kennen als wir alle und sich vielleicht sagen: Da hab ich den Wuppdich nicht mehr.

ZEIT: Sie haben vier deutsche WM-Siege erlebt. Manche Fußballversteher sehen in jedem dieser Erfolge einen entscheidenden Moment der bundesrepublikanischen Geschichte verkörpert.

Flimm: Ach Quatsch! Vielleicht 1954, danach nicht mehr. Damals sagte mein Vater: Jetzt sind wir wieder wer! Das war aber auch die Generation der Kriegsverlierer, das vergisst man immer. Das war der einzige Moment, in dem der Fußball in diesem Sinne symbolisch war.

ZEIT: Sie haben mir mal erzählt, dass Sie nach 1954 eine "Arroganz deutscher Tüchtigkeit" erlebt hätten. Und diesmal?

Flimm: Diesmal haben die Italiener das Gefühl, die Deutschen seien nun nicht mehr zu stoppen: Ihr mit eurer tollen Merkel – kein Wunder, dass ihr Weltmeister geworden seid! Aber von einem Deutschen habe ich das nie gehört. Ich finde, die Deutschen haben sich gut entwickelt: Sommermärchen, Party machen – und Fahne wieder einpacken.

ZEIT: Aber im Reden über Fußball sind die Deutschen immer noch die Blitzkrieger und Maschinen.

Flimm: Ich glaube, das ist die Unbildung Ihrer Journalistenkollegen. Auch die Jungs am Mikrofon müssen alle mal ’ne Schulung bekommen. Da kann ich mich anbieten. Die sollen nicht immer so schreien! Oder sie haben so einen Heldenton drin. Furchtbar! Eigentlich muss ich doch nur wissen, wer schießt. Den Rest seh ich selber. Ich will mir meine eigene Meinung bilden. Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Liveübertragung von Hamlet, und mir würde immer erklärt, was ich da gerade sehe – das ginge gar nicht. Der beste Satz vom Kommentator des Endspiels war, als Messi auf links einmal durchkam und er immer nur rief: "Messi, Messi, Messi! Haltet ihn fest!!" Das war echte Leidenschaft und nicht diese Pseudo-"Ich kenn mich aus"-Haltung.

ZEIT: Ihr Kollege an der Spitze der Berliner Staatsoper, der Dirigent Daniel Barenboim, ist Argentinier. Haben Sie mit ihm das Endspiel angeschaut?

Flimm: Wir haben noch nie zusammen ein Spiel gesehen. Als Deutschland bei der WM in Südafrika Argentinien 4 : 1 schlug, habe ich mich bei ihm entschuldigt und gesagt: Daniel, es war nicht bös gemeint. Mach dir keine Sorgen, hat er geantwortet, ich hab auch einen spanischen Pass. Und das Halbfinale gegen Spanien haben wir bekanntlich verloren. Aber unsere Freundschaft ist durch nichts zu beeinträchtigen, die ist das Wunder von Berlin.

ZEIT: Anfang September könnten Sie schon wieder Deutschland gegen Argentinien anschauen.

Flimm: Dafür werden wir keine Zeit haben. Aber das gewinnen sowieso die Argentinier. Der Löw muss ja neu aufbauen, das ist eine seiner Stärken.

ZEIT: Anders als Lahm tritt Löw nicht zurück?

Flimm: Nein, das ist eine andere Sache. Der Trainerjob ist mehr eine intellektuelle Veranstaltung, das kann er noch eine Weile machen. Und wenn er nicht Europameister wird, macht das auch nichts. Aber die Spieler sind einfach körperlich am Anschlag.

ZEIT: Sind Sie voller Vorfreude auf die neue Saison?

Flimm: Sehr! Ich fürchte mich ein bissel vor den Bayern und ihrem neuerlichen Durchmarsch. Aber Guardiola muss nun zum ersten Mal richtig ran. Bislang hat er auch noch von Jupp Heynckes und dessen Arbeit gelebt. Jetzt muss er eine eigene Mannschaft bauen, das ist nicht einfach. Ein Freund von mir, ein berühmter Trainer, hat gesagt: Der soll erst mal den VfL Bochum trainieren, dann werden wir sehen, was er kann.