DIE ZEIT: Herr Demandt, Augustus, Roms erster Kaiser, war 45 Jahre lang an der Macht, bis er 14 nach Christus starb. Was war sein Erfolgsgeheimnis?

Alexander Demandt: Er war ein Charismatiker, der geschickt taktierte und paktierte. Wenn nötig, verhielt er sich vollkommen skrupellos und räumte seine Gegner beiseite. Vor allem aber war die Zeit reif für ihn: Nach dem Mord an seinem Adoptivvater Caesar im Jahr 44 vor Christus war der seit hundert Jahren währende Bürgerkrieg in Rom weiter eskaliert. Die Menschen sehnten sich nach Frieden.

ZEIT: Augustus brachte den Frieden, aber er zerstörte auch etwas: die republikanische Senatsherrschaft. Nahm ihm das keiner übel?

Demandt: Der Übergang zur Monarchie hatte sich bereits vor ihm angekündigt. Die Männer an der Spitze des Heeres waren schon unter Caesar stärker als der Senat. Rom war ein riesiger Flächenstaat, der nicht mehr nach dem Prinzip einer Marktplatz-Demokratie regiert werden konnte. Wobei es Augustus’ große Leistung war, dass er die altrömischen Traditionen als Fassade erhalten hat. So hat er das stabilste Staatssystem aufgebaut, das es je gegeben hat: die Monarchie von Gottes Gnaden.

ZEIT: Wie gut ist es seinen Nachfolgern gelungen, es fortzuführen?

Demandt: Es gibt da zwei Tendenzen. Auf der einen Seite stehen republikanisch orientierte Kaiser wie Vespasian, auf der anderen Autokraten wie Caligula und Nero, die ein reines Gottkönigtum für sich beanspruchten.

ZEIT: Welches Modell setzte sich durch?

Demandt: Gegen Ende des weströmischen Kaisertums im 5. Jahrhundert war nicht mehr viel übrig von der alten Tradition. Der Senat hatte nichts mehr zu sagen – was freilich auch an den Senatoren lag, an ihrer Unlust, noch Kriegsdienst zu leisten wie früher oder sich in der Politik zu engagieren.

ZEIT: Blieb Augustus dennoch ein Vorbild?

Demandt: Aber ja! Jeder Kaiser hieß Imperator Caesar Augustus. Dann gab es die Münzen mit seinem Bild, die Inschriften, die Kaiserfeste. Und natürlich Rom selbst, die Gebäude, die er geschaffen hat. Auch durch die Christen blieb er im Gedächtnis: "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging ..."

ZEIT: War er auch den mittelalterlichen Kaisern als Begründer ihrer Herrschaft präsent?

Demandt:Karl der Große steht mit beiden Beinen auf dem römischen Kaisertum – mit dem einen auf Augustus, mit dem anderen auf Konstantin, der Rom christianisiert hat. Der Stauferkönig Friedrich II. ließ im 13. Jahrhundert Münzen mit seinem Konterfei prägen, die Augustalen hießen. Und Philipp II. von Frankreich nannte sich gar Augustus!

ZEIT: Was geschah mit dem republikanischen Erbe der Antike?

Demandt: Es lebte als eine Form der Selbstregierung nur an einigen wenigen Orten des Reichs fort. Im Hoch- und Spätmittelalter spielte es dann als Regierungsmodell in den aufstrebenden Städten eine große Rolle.

ZEIT: Gab es in der antikebegeisterten Renaissance Interesse an diesem Modell?

Demandt: Durchaus, wobei auch hier Augustus wieder ins Spiel kommt – als Vorbild für die Stadtherren der blühenden Renaissancemetropolen in Italien etwa. An den Medici in Florenz ist vieles sehr "augusteisch": das Mäzenatentum, das auf Augustus’ Vertrauten Maecenas zurückgeht, die Praxis der Münzprägung, die dynastische Familienpolitik.

ZEIT: Ist Augustus auch für Ludwig XIV. oder aufgeklärt absolutistische Könige wie Friedrich den Großen ein Leitstern gewesen?

Demandt: Nein, einen wirklichen "Wiedergänger" treffen wir erst wieder nach dem Absolutismus: Napoleon. Der wird vom Papst als Augustus begrüßt und nicht als empereur.

ZEIT: Wie im Mittelalter!

Demandt: Dabei hatte sich die Welt grundstürzend verändert. Vor allem eine Neuerung war entscheidend: der Nationalismus. Im Römischen Reich spielte der so gut wie keine Rolle. Die Römer bildeten eine Art Staatsbürgernation: Wer das Bürgerrecht erhielt, gehörte dazu. Mit der Französischen Revolution und mit Napoleon wird der Nationalismus nun zu einem politischen Faktor.

ZEIT: Doch dann führt Napoleon die Revolution in einer ganz anderen Richtung fort. Er wird Kaiser und Herr über ein Imperium, das viele Nationalitäten umfasst.

Demandt: Napoleon war zugleich Vollender und Verräter der Revolution. Aber er hat diesen Widerspruch nicht beseitigen oder auflösen können. Augustus dagegen ist es gelungen, die Widersprüche zu integrieren: Er war zugleich Totengräber und Retter der Republik, machte sich damit aber keine allzu mächtige Gruppe zum Feind und konnte seine Herrschaft durch die Expansion seines Imperiums nach innen festigen.

ZEIT: Das versuchte Napoleon auch.

Demandt: Aber das war nicht mehr zeitgemäß. Der Selbstbestimmungswille der europäischen Völker war zu groß. In der Antike konnten die Römer Menschen mit anderen Religionen und Sprachen dagegen recht mühelos integrieren. Man konnte als Syrer, Thraker oder als Nordafrikaner wie der dunkelhäutige Septimius Severus sogar römischer Kaiser werden.