Rechtfertigen diese Gemälde wirklich einen Kunstskandal? So wie sie an den Wänden des Freiburger Kunstvereins hängen, sehen sie recht harmlos aus: Bunte filigrane Fäden aus Ölfarbe laufen über ihre Oberflächen, verflechten sich in mehreren Schichten, beantworten Fragen zu Raum und Farbe – mithin Fragen der Malerei. Man könnte jetzt seinen Gedanken weiter in diese Richtung folgen. Genauso gut kann man sich aber auch fragen – falls einen die Entstehungszusammenhänge von Ausstellungen interessieren –, weshalb diese Bilder des Kaliforniers Mark Grotjahn nun seit Wochen dort hängen, wo sie hängen (die Ausstellung endet am 27. Juli).

Verdächtig erschien es der Badischen Zeitung, dass zur Eröffnung der Freiburger Schau Grotjahns Galerist Anton Kern aus New York sowie ein Direktor von Gagosian (seiner anderen New Yorker Galerie) nebst einer "Entourage von rund zwei Dutzend Mitarbeitern" angereist waren. Nachfragen ergaben, dass die Galerien die Transportkosten für die Bilder übernommen hatten. Da während der Ausstellungslaufzeit im nahen Basel zudem die Kunstmesse Art stattfand, kam die Vermutung auf, die Galerien hätten sich im Freiburger Kunstverein einen erweiterten Messestand für ihren Künstler gekauft. Die Vorstellung einer "gefährlichen Liaison" fand dann über das Branchenblatt Informationsdienst Kunst weitere Verbreitung, bevor die Frankfurter Allgemeine Zeitung nachlegte und alle Ausstellungshäuser im Umkreis der Art Basel auf ihre Showroom-Qualitäten hin prüfte. Aktuelle Sommerschauen von Gerhard Richter, Charles Ray, Mark Grotjahn und Cindy Sherman wurden unter dem Gesichtspunkt ihrer Marktaffinität bewertet. Der einende Vorwurf: Die ausgestellte Kunst sei besonders teuer, besonders schwer oder – im Falle Grotjahns und Shermans – von besonders großem Format. Man muss eigentlich nur einen Kunstgeschichtsband aufschlagen, um zu begreifen, wie oberflächlich solch eine Stigmatisierung von Richters oder Shermans Kunst als Marktphänomene ist.

Anders sieht die Sache tatsächlich bei Mark Grotjahn aus: Der 1968 geborene Maler aus Los Angeles hat seine Legitimation bisher eher über Millionenpreise im Auktionshandel als über seine Ausstellungsbiografie erfahren. Soloschauen richten ihm auch in seinem Heimatland eher kleinere Häuser aus, wie die Kunstmuseen in Aspen, Colorado, oder Portland, Oregon. Die Kategorisierung Grotjahns als "Marktkünstler" ist so gesehen korrekt.

Dass es, davon unabhängig, interessant sein könnte, einen Künstler wie Grotjahn zu zeigen, davon ist Caroline Käding, die Direktorin des Freiburger Kunstvereins, überzeugt. "Die Ausstellung setzt bei uns einen Diskurs über Malerei fort, der in diesem Jahr schon mit dem Künstler Merlin James geführt wurde", sagt Käding. "Es ist eben nicht so, dass sich Galerien bei uns einmieten können. Wir entscheiden selbst, welche Künstler in unser Programm passen." Angesichts der knappen Mittel des Kunstvereins komme es durchaus vor, dass Galerien die Anlieferung von Werken bündeln oder einen teuren Überseetransport finanzieren. "Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns instrumentalisieren lassen", so Käding.

Wird die Ausstellung eines "Marktkünstlers" in räumlicher Nähe zur bedeutendsten Kunstmesse der Welt vielleicht bloß deshalb zum Skandal, weil sie die Verflechtung der Kunst mit ihrer kommerziellen Verwertung besonders deutlich vor Augen führt? Traditionell wird im kritischen Kunstdiskurs der monetäre Marktwert eines Bilds streng getrennt gehalten von seinem Symbolwert. Letzterer ist eng an die kunstgeschichtliche Relevanz eines Werks gekoppelt und belohnt Künstler, Sammler und Kuratoren in Form von Prestige. Auch Häuser, die sich keine teuren Künstler leisten können, können Ausstellungen mit hohem Symbolwert schaffen – so lautet ein Versprechen der Kunsthistoriker. Tatsächlich ist jedoch das fortwährende Beharren auf einer Trennung der beiden Sphären ein zunehmend theoretisches. In der globalisierten Kunstwelt vermischen sich Kunst und kommerzielles Interesse immer stärker miteinander.

Zudem wird die Vermischung sichtbarer, und man könnte zur Abwechslung versuchen, das einmal positiv zu deuten: Wirkte es nicht transparent, als 2011 bei der Venedig-Biennale (die manche im Kunstbetrieb "die beste Kunstmesse der Welt" nennen) auf den Erklärungsschildern zu den Werken die Courtesy-Angaben der beteiligten Galerien standen? Der Martin-Gropius-Bau dankte im vergangenen Mai in der Berliner Einzelausstellung des britischen Künstlers Anish Kapoor der Londoner Lisson und der New Yorker Gladstone Gallery für die "freundliche Unterstützung". Aktuell ist das Haus der Kunst in München bei seiner Stan-Douglas-Ausstellung den Galerien David Zwirner und Victoria Miro dankbar. Im Gegenzug nutzen die Galerien die Ausstellungen zur Werbung bei ihren Kunden. All dies sind zufällig gewählte Beispiele, die zeigen, dass Galerien aus dem Kunstbetrieb nicht wegzudenken sind.