Blond und kühl, wohlgeformt und geistvoll, hochtalentiert, witzig – Lee Miller hatte nicht gefehlt, als Fortuna ihre Gaben über die Mädchen verteilte. Wie also konnte sie, das Fashion-Model von Edward Steichen, Vogue- Covergirl von 1927, die experimentelle Fotografin, scharfäugige Reporterin, Muse und Geliebte vieler Männer, wie konnte die herrliche Lee Miller vergessen werden? Geboren 1907 in Poughkeepsie, New York. Absolventin des elitären Vassar College. Dann Paris, es waren die dreißiger Jahre, in denen Paris am aufregendsten war und sie umwimmelt von den Stars der Surrealisten, etwa Man Ray, mit dem zusammen sie die Kunst der gleißenden Doppeltbelichtung entwickelte. Und der "zwei Jahre seines Lebens damit zubringt, den Mund der Muse, die ihn verlassen hat, zu malen, auszulöschen und erneut zu malen", wie die Autorin Francine Prose spottet. (Bildtitel: The Lovers. Lippen über leerem Horizont. Format: 2,5 Meter Länge.) Für Jean Cocteau spielte Miller 1930 in dem Film Das Blut eines Poeten. Später Porträtserien, Aufnahmen des jungen Dylan Thomas, Joan Miró mit Nashornvogel, Elsa Schiaparelli und immer wieder Picasso, über 1000 Picasso-Porträts sind von Lee Miller erhalten.

Ihr eigenes Gesicht ist, schon auf den frühen Bildern, umflort von Melancholie. In der Ehe mit dem britischen Surrealisten Roland Penrose versinkt sie im Alkohol. Auf ihrer Farm in Sussex, wo sich Künstler die Klinke in die Hand geben, Max Ernst, Saul Steinberg vom New Yorker , die Orwells, ist ihre Kunst kein Thema. Erst nach ihrem Tod im Jahre 1977 findet der ahnungslose Sohn Antony auf dem Dachboden Kisten mit Fotos und Texten seiner Mutter, darunter auch diese, nun endlich auf Deutsch publizierten: Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944–1945. Reportagen und Fotos.

Festgehalten sind die beiden Jahre, in denen Lee Miller als Kriegsreporterin, ausgerechnet eines mondänen Frauenmagazins wie der Vogue, meist im Tross des 83. amerikanischen Infanterieregiments, durch die geschundenen Landschaften des Krieges zieht. Sie berichtet von der Belagerung Saint-Malos (3. bis 17. August) und der Befreiung von Paris (25. August), den Kämpfen im Elsass, sie fotografiert die Leichenknäuel in Buchenwald, am 13. April 1945, dem Tag nach der Befreiung des Lagers. Dachau. Hübsche Dirndlträgerinnen, auf dem Weg zu den Skeletten. Eine im Wasser treibende Leiche eines Nazischergen. Miller steigt ab in der Prinzregentenstraße 16, München, wo Hitler wohnte, hier hört sie von seinem Tod. Es entsteht das berühmte Foto, auf dem sich Lee Miller in Hitlers Badewanne den Staub des Krieges abschrubbt.

Es ist üblich geworden, den D-Day als Startschuss für das Ende des Zweiten Weltkriegs zu feiern, die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 auf den Stränden der Normandie als Triumph, angesichts dessen das Reich des Bösen zerkrümelte. Das war leider nicht so. Allein bis nach Caen, nur 50 Kilometer vom Kanal entfernt, heute ein halbes Stündchen mit dem Auto, dauerte der Vorstoß einen Monat, es wurde um jeden Zentimeter gestorben, bis die Schutthalden, die das historische Caen gewesen waren, am 19. Juli erobert wurden. Als Paris Ende August fällt, ist die Kapitulation Deutschlands noch einen bitteren Winter lang entfernt.

Einige der Bilder, die Lee Miller in diesen beiden Jahren machte, sind Legenden, viele aber ahnen nicht, dass es ihre Bilder sind. Die in ihrer Erschöpfung versunkene Krankenschwester vor dem OP-Zelt. Zwei Frauen hinter schwarzen Schutzmasken, verwandelt in surreale Objekte. Von Miller stammt das Bild einer jungen Deutschen in Leipzig, die tot in der Armlehne eines Ledersofas liegt – die Tochter eines hochrangigen Nazis. Die Fotografien von Lee Miller, die dieser Band enthält, wurden 2007/08 mit einer großen Retrospektive des Victoria and Albert Museum neu entdeckt, dann im Pariser Jeu de Paume gezeigt, ein spektakulärer Erfolg. Aber erst mit der Veröffentlichung dieses Buches ist es möglich, Bild und Text, so wie sie damals zusammen in der Vogue erschienen sind, zu sehen.

Wer hätte gedacht, dass Miller so schreiben kann, auf ihrer Hermes Baby, der legendären Reiseschreibmaschine, auf der auch Hemingway tippte. Ob sie über sich selber staunte? Am 2. August 1944 erscheint die erste Reportage, Anflug auf die Normandie. "Meer und Himmel vereinigten sich in flüchtigen Wasserfarben", heißt es. "Äcker vernarbter rotbrauner Erde, mit konfettigroßen Ringen gemustert. Von dort kam Artilleriefeuer. Bei dreieckigen Einrissen, Punkten und Strichen handelte es sich um Schützenlöcher und Gräben, wo die Landung erkämpft und gehalten wurde. Ein grünes Tal oberhalb des Strandes war ein Schlachtfeld gewesen. Am oberen Rand wurden Gräber für sechstausend gefallene Amerikaner geschaufelt ..."