Es gibt Menschen, denen der körperlose Herrgott des Christentums völlig ausreicht. Andere ziehen es vor, von ihrem Heiland persönlich gedrückt zu werden – zu dieser Gruppe zählte auch der heute 44-jährige Fernsehjournalist Timm Kruse, der über seine Erleuchtungssuche zwischen Europa und Indien ein Buch geschrieben hat. Eher zufällig nahm er 2008 an einem spirituellen Festival in Süddeutschland teil, bei dem ein Guru auftrat, der im Anschluss seine Zuhörer umarmte. "Plötzlich brach es aus mir heraus – nein: Mein Herz brach auf. Schleusen öffneten sich, und ich fing an zu heulen wie ein kleines Kind."

Kurz darauf folgt er seinem Guru "Sri What" ins südostindische Tamil Nadu, in einen Aschram. Das ist eine Art spirituelles Resort, wo Europäer nicht nur begeistert die gesamte Hausarbeit erledigen, sondern auch bereitwillig ihr Vermögen spenden. Im Gegenzug dürfen sie bei den täglichen Meditationsübungen direkt neben "Guruji" sitzen und sich an seinen tiefen Blicken und bedeutungsvoll vorgebrachten Weisheiten laben. Der launische Gottesdarsteller setzt auf die bewährte Locken-und-Blocken-Methode: Seine Anhänger bedenkt er mit großer Aufmerksamkeit und berauscht sie mit dem Gefühl, bedingungslos angenommen zu werden. Wer jedoch aus der Reihe tanzt und nicht pariert, wird mit Liebesentzug bestraft.

Beim eifrigen, unsicheren Kruse geht diese Strategie voll auf. Bald entdeckt der Guru, der mit pakistanischem Pass reist und im bürgerlichen Leben Christian Kingston heißt, in dem suchenden Ostwestfalen einen besonders nützlichen Helfer. Kruse kann nämlich gut Auto fahren. Und der Guru muss nach Schweden, um dort eine Zweigstelle seines Meditationsunternehmens aufzubauen. Die gemeinsame Bettelfahrt durch Europa ernüchtert Kruse zwar zusehends. Doch er braucht Monate, ehe er bereit ist, den Versprechungen des spirituellen Wanderzirkus zu entsagen.

Roadtrip mit Guru bietet pointierte Einblicke in den indischen Aschram-Tourismus. Dazu ist es eine spannend geschriebene, selbstkritische Auseinandersetzung mit der östlich dekorierten Erleuchtungsindustrie. Was Kruse am Ende bleibt, ist die Überzeugung, an einer großen Reise gewachsen zu sein.