Martin Dulig kümmert sich um die Wäsche, auch das wissen die Zeitungsleser jetzt. Journalisten, die dieser Tage im Büro des SPD-Manns um einen Termin bitten, werden direkt zu ihm nach Hause eingeladen: Daheim in Moritzburg nahe Dresden, in seiner Wohnküche, könne man doch wunderbar alles Politische bereden. Auf diese Weise erfuhr die Öffentlichkeit, dass Dulig sehr häuslich ist. Es gibt Pressebilder, auf denen die Familie Dulig Karten spielt und musiziert; der Hausherr bläst die Blockflöte. Auch in den Wohnungen der Wähler ist Dulig inzwischen angekommen, auf dem Cover seines eigenen 16-seitigen Hochglanzmagazins, Auflage: zwei Millionen. Es steckte kürzlich in den Briefkästen der Sachsen. Kennen Sie diesen Mann?, stand unter einem Schwarz-Weiß-Porträt des Politikers. "Er spielt Trompete und hat sechs Kinder. Er ist Maurer mit Abitur. Nur beim Bügeln könnte er besser werden."

In diesem Sommer beginnt der Politiker Martin Dulig ein Experiment. Er ist Spitzenkandidat der Sozialdemokraten für die Landtagswahl in ihrem Gründungsland Sachsen. Aber am 31. August will er die Wahl bestehen, ohne allzu offensichtlich darauf hinzuweisen, für welche Partei er antritt. In einer Zeit, in der die Strahlkraft von Parteien enorm nachgelassen hat, verkörpert Dulig den Extremfall eines aufstrebenden Politikers: Wie kein Zweiter macht der 40-Jährige sich selbst, seine Biografie und sein Familienleben zum Thema.

Ein abendliches Treffen mit Martin Dulig, ausnahmsweise nicht bei ihm zu Hause, sondern in einer Leipziger Bierkneipe. Das besagte Hochglanzmagazin liegt auf dem Tisch. Frage auf Seite 14: "Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kuss, Frau Dulig?" Antwort: "Na klar. Es war auf einem Fahrrad-Ausflug."

Die Idee zum Heft hat Dulig von seinem hessischen Kollegen Thorsten Schäfer-Gümbel, einem Weggefährten aus Juso-Zeiten, der seinen Wahlkampf auch schon stark personalisierte, allerdings nicht so radikal wie der Sachse. "Zugegeben", sagt Dulig, "ich mache mich ziemlich nackig, indem ich so offen mit meiner Familie in die Öffentlichkeit trete. Damit gehe ich Risiken ein. Ich habe allerdings auch wenig zu verlieren. Und ich glaube: Wenn die Leute erst einmal mit mir etwas anfangen können, wählen sie auch SPD."

Es ist eine unentschiedene Landespartei: Sowohl mit der CDU, die Sachsen seit der Wende regiert, als auch mit der Linken – der zweitstärksten Kraft im Landtag – würde sie eine Koalition eingehen. Programmatische Fragen sind wichtig für die SPD, so viel taktische Biegsamkeit fällt ihr nicht leicht. Auch das ist ein Grund, den Wahlkampf auf die pragmatische Persönlichkeit des Spitzenkandidaten auszurichten.

Im November sprach Dulig in Leipzig vor der Bundespartei: "Mein Name ist Martin Dulig, den Namen sollte man sich merken." Und dies nicht nur, weil er "seit 21 Jahren mit ein und derselben Frau verheiratet" sei. Seine coole Rede und seine Chuzpe ("Ich will regieren!") beeindruckte die Genossen. Sollte es Dulig vorher noch an Selbstvertrauen gefehlt haben, nach diesem Auftritt nicht mehr. Und er erkannte nun, dass er vor allem mit seiner Lebensgeschichte punkten kann.

Als die Mauer fiel, war Martin Dulig 15 Jahre alt und machte eine Maurerlehre. Er stammt aus einem kirchlichen Elternhaus, der SED-Staat hatte ihm zunächst das Abitur verweigert. Im Herbst 1989 saß sein ältester Bruder für einige Tage in dem als "Gelbes Elend" bekannten Gefängnis in Bautzen ein. Das habe ihn politisiert, sagt Dulig. Er verkauft dem Wähler eine unverkennbar sozialdemokratische Biografie, vielleicht fällt es ihm darum leicht, seine Partei im Wahlkampf zu verstecken. Als er mit 16 zum ersten Mal Vater wurde, das war 1990, gründete er gerade die Jungen Sozialdemokraten in der DDR mit. Wenig später, in Klasse 12, hatte er schon zwei Kinder mit seiner damaligen Freundin, die heute seine Frau ist, und er musste dafür sorgen, dass seine Familie finanziell überlebte. Er bekam Arbeit als Jugendbildungsreferent bei der SPD. Über die Karriere als Juso-Chef und Landtagsabgeordneter erreichte er, mittlerweile als studierter Sozialpädagoge, die sächsische Parteispitze – mit Mitte 30.