Mit dem, was Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) noch vor Kurzem "Ausbeutung" genannt hat, kennt Martina Müller* sich aus. Die 24-Jährige ist einen Praktikumsmarathon gelaufen. Ihr Sozialwissenschaftsstudium schrieb nur eins vor, sie absolvierte sieben. Freiwillig, und das, obwohl sie nie mehr als 200 Euro im Monat verdient hat. Journalistin will sie werden, und so ganz einfach ist das während einer Medienkrise nicht, fand sie. "Je mehr Praxiserfahrung man sammelt, desto leichter ist der Berufseinstieg."

Anfang Juli hat der Bundestag beschlossen, dass von 2015 an in Deutschland ein flächendeckender Mindestlohn gelten wird. Wenigstens 8,50 Euro pro Stunde sollen alle Menschen dann verdienen. Na ja, fast alle: Praktikanten sind von der Regelung ausgenommen. Hospitanzen, die während des Studiums absolviert werden, fallen nicht unter die Regelung. Vorausgesetzt, sie dauern nicht länger als drei Monate. Pech für Praktikanten?

Im Gegenteil: Wie eine Umfrage der ZEIT bei über 20 Medienhäusern zeigt, ist diese in letzter Minute vereinbarte Ausnahme für angehende Journalisten tatsächlich eher ein Glück. Denn Springer, Burda, Gruner + Jahr, ProSiebenSat.1, RTL, NDR, ZDF, Produktionsfirmen und viele andere Häuser hatten fast ausnahmslos angegeben, deutlich weniger Praktikumsstellen anzubieten, wenn dafür der ursprünglich geplante Mindestlohn fällig geworden wäre: 1.500 Euro nach der sechsten Woche Hospitanz statt wie bisher 300 Euro im Schnitt.

Fünfmal so hohe Kosten also, die hätten die Unternehmen nicht so einfach hingenommen. Weil man sie sich nicht leisten könne, so argumentierte Dietmar Wolff, der als Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger für 298 Tageszeitungen und 13 Wochenzeitungen spricht; und tatsächlich haben Pleiten auf dem Zeitungsmarkt zuletzt gezeigt, dass es dort teils um die Existenz geht. Anderswo gab wohl eher die Rendite den Ausschlag: Bei rund 30 Prozent liegt sie bei ProSiebenSat.1 und der Mediengruppe RTL Deutschland. Und die Anteilseigner der Privatsender wollen nicht auf Gewinn verzichten, weil die Kosten durch den Mindestlohn steigen.

Nun ist es zwar richtig, dass die Ausnahmeregelung, die Nahles für Hospitanten beschlossen hat, erst einmal verhindert, dass die Medienhäuser eine ganz erhebliche Anzahl ihrer Praktikumsstellen streichen. Unternehmen dürfen den meisten Praktikanten ja weiterhin zahlen, was sie für richtig halten. Und doch zeigt das Beispiel Medienbranche, dass der Mindestlohn, so gerecht er zunächst klingt, doch häufig für neue Ungerechtigkeiten sorgt.

Denn was ist mit besonders motivierten Studierenden, die eigens ein Semester aussetzen, um eine Hospitanz zu absolvieren, die über drei Monate hinausgeht – weil sie, so wie Martina Müller, praktische Erfahrungen sammeln wollen? "Je länger meine Hospitanzen waren, desto mehr habe ich mitgenommen", sagt Müller. Es dauere, bis man Abläufe kennengelernt habe, erst danach könne man richtig einsteigen. Der enge Bachelorlehrplan mit Anwesenheitspflichten und kürzeren Semesterferien lässt Studierenden heute weit weniger Freiheit, in die Praxis einzutauchen, als das bei Magister- oder Diplomstudiengängen der Fall war.

Und was ist mit jenen, die nach ihrem Bachelorabschluss einige Monate warten müssen, bevor sie ihr Masterstudium antreten? So war der Bachelorabschluss vor einem Jahr für Müller nicht Ziellinie ihres Marathons, er läutete die nächste Etappe ein: das nächste Praktikum, um ihrem Traumberuf näherzukommen. "Viele Freunde nutzen die Zeit zwischen Bachelor und Master für zwei längere Hospitanzen", sagt Müller. "Dabei lernt man mehr, als wenn man ein halbes Jahr lang kellnern würde."

In Zukunft müssten Medienunternehmen diesen beiden Gruppen 1.500 Euro im Monat zahlen, also fünfmal mehr als Gleichaltrigen. Für vermutlich die gleiche Leistung. Der Unterschied ist bloß: Der eine ist gerade eingeschrieben, der andere nicht.