DIE ZEIT: Herr Lauda, 1991 stürzte die Mozart, eine Maschine ihrer Fluggesellschaft Lauda Air, über Thailand ab. Haben die Bilder vom Wrack des abgestürzten Passagierflugzeugs in der Ukraine Erinnerungen bei Ihnen geweckt?

Niki Lauda: Das Leid der Angehörigen hatte ich sofort wieder vor Augen, da bin ich natürlich sensibilisiert. Es ist unfassbar, dass ein Flugzeug mit Dutzenden Kindern an Bord abgeschossen wird, und die Welt schaut zu.

ZEIT: Wer hätte die Tragödie verhindern können?

Lauda: Die zuständigen Behörden. Es ist vollkommen üblich, dass der Luftraum über Kriegsregionen gesperrt wird. Das war in Kuwait und im Irak so. Über der Ukraine wurde die Flughöhe auf 11.000 Meter erhöht. Zugleich weiß jeder, dass die Raketen, mit denen das Flugzeug abgeschossen wurde, bis zu 25 Kilometer hoch steigen. Und nun schiebt jeder wieder dem anderen die Schuld zu. Das ist doch Wahnsinn.

ZEIT: Was sollte Malaysia Airlines jetzt tun? Was raten Sie den Managern?

Lauda: Ich bin damals mit allen Informationen, die ich hatte, sofort rausgegangen an die Öffentlichkeit. Die Angehörigen haben gemerkt, dass ich keinen Blödsinn rede, dass ich mir nicht widerspreche. Die einzige Frage dieser Menschen war: Warum? Da wurde mir bewusst, dass der Mensch mit so einem Unglück nur umgehen kann, wenn er irgendeine Erklärung dafür findet, warum seine Frau, seine Mutter oder sein Kind nicht mehr da ist. Ohne Erklärung ist der Schmerz unerträglich.

ZEIT: Wie haben Sie damals von dem Absturz der Mozart erfahren?

Lauda: Der Österreichische Rundfunk rief bei mir zu Hause an und sagte, eine meiner Maschinen sei abgestürzt, auf dem Weg von Bangkok nach Wien. Mein erster Gedanke war: schon wieder so ein Blödsinn. Eine Woche vorher hatten Reporter angerufen, weil ich angeblich tödlich im Auto verunglückt sei.

ZEIT: Diesmal war es kein Gerücht. Bei dem Absturz starben alle 223 Passagiere.

Lauda: Ich war tief erschüttert. Ich bin direkt am nächsten Morgen zum Absturzort nach Thailand geflogen.

ZEIT: Andere Manager schicken in so einer Situation ihre PR-Berater vor.

Lauda: Selbst dort hinzufliegen war die beste Entscheidung meines Lebens. Es hat ewig gedauert, mit dem Geländewagen zur Unfallstelle zu fahren. Wir fuhren einen Berg hinauf, und dann lagen dort so weiße Dinger herum. Das waren Servietten aus dem Flugzeug. Das Flugzeug war auf zehn Kilometer verteilt, und je näher wir kamen, desto größer wurden die Teile. Ein paar Einheimische haben den Leichen die Ringe von den Fingern gezogen. Es war fürchterlich.

ZEIT: Haben Sie sich schuldig gefühlt?

Lauda: Natürlich. Ich bin selber Pilot, ich kannte die Technik. Aber ich konnte mir die Ursache des Absturzes nicht erklären. Erst nach acht Monaten fanden wir heraus, dass es sich um einen technischen Defekt gehandelt hat. Ich habe mir später das Tonband aus dem Flugzeugs angehört. Die letzten Worte des Kapitäns waren: "Verdammt! Wir fliegen auf dem Rücken." Das Flugzeug hatte sich binnen Sekunden in der Luft gedreht. Ich habe mich wieder und wieder in den Simulator gesetzt, um zu prüfen, ob man aus dieser Lage als Pilot wieder herauskommt. Aber da war nichts zu machen. Es war ein Konstruktionsfehler.

ZEIT: Haben Sie mit Angehörigen gesprochen?

Lauda: Dauernd, die haben mich angerufen. Später musste ich noch mal nach Bangkok, dort gab es für die letzten 23 nicht identifizierten Opfer eine Trauerfeier. Da stand eine ältere Frau mit einem dreijährigen Kind. Als das Kind ans Grab seiner Eltern trat, schepperte es. Ich hab mich gefragt, was die Kleine da macht. Sie schmiss Muscheln ins Grab, die sie beim Tauchurlaub mit den Eltern gesammelt hatte.

ZEIT: Hat es einen Unterschied gemacht, dass Ihr Name damals auf dem Flugzeug stand?

Lauda: Klar, das tut hundert Mal mehr weh. Aber der Name hat mir durch meine Popularität aus der Rennfahrerzeit auch mehr Passagiere gebracht.

ZEIT: Nach dem Absturz der Mozart schrieb die Bunte: "Captain Tod – Warum immer die anderen für Niki Lauda sterben." Auf dem Schulhof wurde Ihr Sohn mit Sprüchen gehänselt: "Liebst du deine Frau nicht mehr, dann schick sie mit der Lauda Air." Ist das der Preis, den jemand zahlt, der seinen eigenen Namen zur Marke macht?

Lauda: Natürlich. Wenn man für ein Unglück verantwortlich und seelisch schwer belastet ist und dann so ein Scheiß geschrieben wird, das trifft einen ins Herz. Die Zeit nach dem Absturz war für mich die schwierigste meines Lebens.

ZEIT: Schwieriger als die Zeit nach Ihrem Unfall auf dem Nürburgring?

Lauda: Ja.

ZEIT: Seit dem Unfall tragen Sie die rote Mütze – Ihr Kopf ist die berühmteste Litfasssäule der Welt. Wie viele rote Mützen haben Sie eigentlich?

Lauda: Am liebsten behalt ich immer nur eine auf. Jedes neue Kapperl braucht eine lange Einlaufzeit. Deshalb fahr ich auch mit einer schmutzigen Kappe nach Hockenheim. Wir haben einen Hund, den Bruno, und der hat neulich an der Kappe rumgebissen.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, der Schriftzug auf Ihrer Mütze bringe 1,2 Millionen Euro im Jahr an Werbeeinnahmen.

Lauda:(setzt die Mütze ab) Ja, in der Größenordnung liegt das.

ZEIT: Wie erklären Sie sich Ihren ungeheuren Marktwert?