DIE ZEIT: Herr Strolz, wann haben Sie zuletzt einen Baum umarmt?

Matthias Strolz: Gestern, für ein Zeitungsfoto.

ZEIT: Nein, ich meine aus innerem Antrieb.

Strolz: Anfang der Woche in Niederösterreich. Da war ich unterwegs im Wald. Der ist ein großartiger Therapeut.

ZEIT: Dort regenerieren Sie Ihre Energien.

Strolz: Da komm ich zu mir, lade meine Batterien auf, kann über das Leben und meine Aktivitäten nachdenken und komme geerdet zurück.

ZEIT: Interessant, dass das noch immer funktioniert, obwohl Sie nun bereits ein bisschen parlamentarisch verseucht sind.

Strolz: Die Natur nutzt sich nicht ab. Aber man muss den Rahmen dafür schaffen. Wenn ich nur an einem Baum vorbeijogge, tut es mir zwar auch gut, aber die Wirkung setzt erst ein, wenn ich mich darauf einlasse. Das ist bei allen Dingen so, ob das nun Kinder, Ehepartner, Wälder oder Parteigründungen sind.

ZEIT: Sie sind ja hoch motiviert in das Abenteuer Politik gegangen. Naturgemäß erschöpft sich der Anfangselan. Jetzt liegen vor Ihnen die Mühen der Ebene. Klettern Sie deshalb in Ihrer Freizeit so gerne auf Berggipfel?

Strolz: Ich nenne es die Freuden des Hochplateaus.

ZEIT: Sind Sie nun ernüchtert?

Strolz: Zum Glück. Mit der Euphorie des Wahlabends würde ich die Leute verrückt machen. Ich glaube, dass wir als Bewegung extrem schnell erwachsen werden. Wir spüren und übernehmen mehr Verantwortung. Dabei haben wir den Anspruch, nicht die Lebendigkeit zu verlieren. Aber die muss einen anderen Tonus kriegen. Sie muss sich vom Überschwang zu einer durchaus prallen, aber leiseren Vitalität wandeln. Sollten wir jedoch unsere Lebendigkeit verlieren, dann haben wir einen Teil unserer Mission und unserer Berechtigung verloren.

ZEIT: Hat sich auch Ihr Ton, der bekanntlich die Musik macht, gewandelt?

Strolz: Auch. Ich habe zwischendurch eine Phase gehabt, in der ich bei meinen Parlamentsreden erschreckend aggressiv war.

ZEIT: Aus Frustration?

Strolz: Nein, aus dem Wunsch, den Anpressdruck zu erhöhen. Auch ab und zu aus dem Gefühl heraus, missverstanden worden zu sein. Dann wird es eben etwas lauter. Ich glaube aber, in den letzten Wochen hat man gesehen, dass ich darauf achte, mich nicht wie ein Krakeeler aufzuführen.

ZEIT: Diese Gefahr haben Sie gesehen?

Strolz: Ja, natürlich. Die Organisationskultur des Systems Politik ist extrem mächtig, die saugt einen auf wie ein Industriestaubsauger. Deshalb stehen wir vor einer Gratwanderung. Wir sind eine Bürgerbewegung, die auch dafür gewählt wurde, einige Dinge anders zu machen. Wenn man aber alles anders machen will, wird man im Parlament nie eine Rolle spielen können. Man muss auch die Spielregeln, die dort herrschen, akzeptieren. Und natürlich , wir wollen die Spielregeln proaktiv weiterentwickeln. Österreich braucht ein Softwareupdate, damit wir den Wohlstand halten können. Demokratie 3.0, würde ich sagen.

ZEIT: Aber wir reden jetzt schon über Menschen und nicht über Mikroprozessoren?

Strolz: Über Menschen, ja. Aber es geht auch um Prozesse. Wir sind ja ein Kind dieser Strömung des Wunsches nach Teilhabe. Die ist so groß wie früher die Friedensbewegung, die Frauenbewegung und die Grünbewegung. Wir sind ein kleines Gesicht davon. Politik wird von Menschen für Menschen gemacht, aber gleichzeitig sind die Abläufe, in denen Entscheidungen getroffen werden, immens wichtig. Deshalb haben wir einen Hang dazu, prozessorientiert zu sein. In Österreich erinnern diese Prozesse in vielen politischen Bereichen noch an die Postkutschenzeit.