"Ich spiele mich nicht" – Seite 1

Otto Waalkes ist etwas blass um die Nase, was nicht weiter verwundert, denn am Abend zuvor ist die letzte Show seiner Tournee im Berliner Tempodrom unter großem Applaus zu Ende gegangen. 80 Auftritte in 60 Städten hat der 65-Jährige innerhalb von 20 Wochen absolviert. "Ich bin etwas erschöpft", sagt er und bestellt einen grünen Tee, "nehmen Sie es mir nicht übel." Waalkes trägt die berühmte Otto-Basecap, dazu T-Shirt und eine bequeme Jogginghose in Grau. Die blauen Augen sind müde, aber aufmerksam.

DIE ZEIT: Herr Waalkes, ein wenig sind Sie uns ein Rätsel. Sie treten seit über 40 Jahren im Wesentlichen mit denselben Scherzen, Gesten, dem berühmten Gehopse und Hollideridi-Rufen auf und füllen noch immer Hallen.

Otto Waalkes: Mit immer weniger Haaren, das sorgt für Abwechslung.

ZEIT: Das sieht man mit der Kappe nicht.

Waalkes: Bei vielen Scherzen bekommt das Publikum das ganze Gesicht. Wenn ich die böse Königin bin zum Beispiel.

Böse Königin! Das ist das Stichwort. Waalkes springt auf, nimmt die Kappe vom Kopf, entsichert seine Mimik, greift zur Luftgitarre und gibt: die böse Königin. Erschöpfung verflogen, keine Frage, Waalkes ist jetzt: Otto.

ZEIT: Ihre Vorführungen beruhen fast ausschließlich auf der Parodie. Sie parodieren Märchen, die alle kennen, oder Prominente. Ist das nicht etwas parasitär?

Waalkes: Aber natürlich ist es das. Vor Kurzem habe ich Herbert Grönemeyers Was soll das? in ein Märchen verwandelt: "Draußen ist es bitterkalt, zwei Kinder gehen durch den Wald. Was soll das?" Das Simpelste kommt oft am besten an! Parodie ist, zumindest bei mir, eine aufrichtige Form der Verehrung. Ich erkenne damit die Lebensleistung an, den Aufwand an Zeit und Energie, den jemand investiert hat, um parodiefähig werden. Wenn ich etwas parodiere, dann hat sich das etabliert, erst wenn etwas vertraut ist, lohnt sich die parodistische Verfremdung.

ZEIT: Gibt es noch den einen Kanon, auf den man zurückgreifen kann, um Verhaltensweisen oder Prominente zu parodieren?

Waalkes: Der ist kleiner als früher, weil sich die Gesellschaft differenziert hat und die allgemeinen Bildungsreserven schwinden. Es gibt zum Glück Klassiker: Ein paar Märchen wird’s immer geben. Man kennt Grönemeyer, Lindenberg, Maffay, Jürgens, die alte Garde. Andererseits werden auch heute noch Hits produziert, die ich parodieren kann: Ottos Gangnam Style zum Beispiel oder Supergeil kommen besonders gut an bei meinen Zuschauern.

ZEIT: Hat sich das Publikum eigentlich über die Jahre verändert?

Waalkes: Die Fans von damals bringen jetzt ihre Kinder mit. Oder schon die Enkel.

Kinder lieben Otto. Nach seinen Shows signiert er stundenlang seine berühmten Ottifanten und andere Merchandising-Artikel aus dem Hause Waalkes.

ZEIT: Die Kinder liegen Ihnen zu Füßen, haben Sie eine Erklärung?

Waalkes: Vielleicht weil mein Gesicht ihnen bekannt vorkommt: Im Profil sehe ich aus wie das klassische Kasperle. Im Ernst: Die Nase schafft intuitiv Vertrauen. Kinder glücklich zu machen ist mein pädagogischer Auftrag. Ich hab doch Kunstpädagogik studiert.

ZEIT: Und die Eltern sind ähnlich zahm?

Waalkes: Die Leute waren früher politischer. In den Siebzigern riefen Fans schon mal: "Du wagst es, elf Mark zu nehmen für ein Ticket – lässt dir wohl die Fransen deiner Jeans vergolden, oder was?" Alles war ideologisch aufgeladen. Ich hatte schon damals ein größeres Auto, das musste ich in Seitenstraßen parken, damit das keiner mitbekam, der antikapitalistisch beseelt war.

"Ich habe schon gerappt, bevor es den Begriff in Deutschland überhaupt gab"

ZEIT: Ihre Auftritte wurden in den siebziger Jahren als gesellschaftspolitische Interventionen begriffen, als antibürgerlicher Anarchismus.

Waalkes: Das wurde stark überinterpretiert. Ich habe nie gedacht: So will ich die Welt haben. Ich habe immer nur gedacht: So will ich den Abend haben. Ach Gott, politisch. Na, vielleicht im weitesten Sinne: Man könnte natürlich sagen, ich stabilisiere das System, weil ich durch Komik die Leute in eine Stimmung versetze, die sie unkritisch und zufrieden nach Hause gehen lässt. Man könnte aber genau umgekehrt argumentieren: Meine Show vermittle den Leuten die Ahnung einer besseren Welt. Einer herrschaftsfreien Zone, die nicht von angemaßten Autoritäten besetzt wird, wie sie sich im Fernsehen spreizen. Sicher weiß ich nur eines, nämlich dass ich nie tagespolitisch bin – Tagespolitik gehört ins Kabarett.

ZEIT: Ihrer letzten Show haben Sie den Titel Geboren um zu blödeln gegeben. Das klingt wie ein Bekenntnis zur Anspruchslosigkeit.

Waalkes: Erst einmal geht es immer darum, sich auf ein ganz niedriges Niveau zu begeben, von da aus hat man aber mehr Spielraum. Das, was in meiner Komik anspruchsvoll ist, zeigt sich dann schon. Robert Gernhardt ...

ZEIT: ... der Schriftsteller, mit dem Sie jahrelang eng zusammengearbeitet haben ...

Waalkes: ... hat gesagt: "Du lockst die Leute in ein scheinbar stabiles Sinngebäude und lässt sie dann gepflegt gegen die Wand krachen." Das war so unsere Definition von Nonsens. Ich fabriziere Nonsens – Nichtsinn, nicht Unsinn, nicht Wider- oder Hintersinn, sondern Nichtsinn. Es hat ja nichts mit Dada zu tun, was ich mache. Ich setze immer sinnvolle Anhaltspunkte voraus, wenn ich Sinn entleere. Der Zuschauer kennt die Figuren, die ich parodiere, ganz genau: den Prediger, den Nachrichtensprecher, die böse Hexe, den Lehrer. Deswegen bin ich ja auch so interessiert am Erhalt von Sinnstiftern, sonst könnte ich nicht ihre Grenzen aufzeigen.

ZEIT: Blödeln ist der Nichtsinn?

Waalkes: Blödeln heißt unter anderem, nichts zu sagen, aber das virtuos, zum Beispiel im reichen Reim: "Angeklagter, Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hätten an dem Mast gesägt. – Ich hab nicht an dem Mast gesägt, ich hab nur mit dem Ast gefegt, da hab ich mich mit Hast bewegt, und das hat wohl den Gast erregt, und der hat dann den Mast zerlegt."

ZEIT: Ein Klassiker, stammt von Gernhardt, Eilert, Knorr.

Waalkes: Und mir. "Stammt der Mensch vom Affen ab, stumpft das Kind beim Gaffen ab, macht die Frau beim Schaffen schlapp, legt man im Bett die Waffen ab, wie lang ist ein Giraffengrab ..." Ich habe schon gerappt, bevor es den Begriff in Deutschland überhaupt gab.

Die alten Programme, die vertrauten Rollen, Waalkes ist total begeistert. Und plötzlich scheint er jetzt auf der Bühne zu stehen. Mit dem allergrößten Vergnügen hört er sich selber zu.

ZEIT: Sie haben jahrzehntelang unter anderem mit den Autoren Robert Gernhardt, Pit Knorr und Bernd Eilert zusammengearbeitet. Wie muss man sich das vorstellen?

Waalkes: Ganz einfach: Wir waren befreundet, trafen uns in einer Arbeitswohnung. Da hatten wir einen Tisch, daran saßen wir zu viert, und dann haben wir geredet, bis etwas Komisches dabei herauskam.

ZEIT: Sie konnten auf Kommando komisch sein?

Waalkes: Manchmal. Wenn drei von uns vieren etwas komisch fanden, dann war es das meistens auch.

ZEIT: Sind Sie in der Zusammenarbeit eigentlich ein schwieriger Charakter?

Waalkes: Ich glaube nicht. Ich bin oft kompromissbereit und sage: Okay, meinetwegen. Und das ist ein Fehler. Das befördert manchmal schwache Lösungen. Ich bin nachgiebig. Das führt natürlich dazu, dass ich oft ausgenutzt werde, von Freunden, Bekannten und Kollegen. Genau das hat aber wiederum einen ungeheuren Vorteil für mich: Ich werde deswegen geliebt.

ZEIT: Haben Sie eigentlich auch ostdeutsche Fans?

Waalkes: Jede Menge. Ich bin ja schon 1978 in Ostdeutschland aufgetreten. Das war in Eisenach. Vor einem volkseigenen Betrieb, Puppenhersteller, glaube ich. Auch die Otto-Kinofilme liefen ja in der DDR. Es gab übrigens keine Zensur – verdächtig, oder?

ZEIT: Sie wurden von den DDR-Behörden nicht als staatszersetzend wahrgenommen?

Waalkes: Nicht ernst genommen, nein. Aus meinem ersten Kinofilm wurde allerdings eine Szene rausgenommen. Es ging darin um eine Flugzeugentführung nach Kuba. Kuba ging nicht, alles andere ging.

ZEIT: Haben Sie eigentlich nicht einmal daran gedacht, die Figur Otto zu verändern? Mal etwas ganz anderes zu spielen?

Waalkes: Es gab immer wieder Angebote, die darauf zielten, mir eine neue Rolle zu verpassen. Ich war sogar als seriöser Kommissar im Gespräch – das funktionierte überhaupt nicht. Ich bin immer ins Komödiantische abgerutscht, zum Beispiel: "Der Angeklagte hat gestanden." – "Etwa die ganze Zeit? Und Sie haben ihm keinen Sitzplatz angeboten?" Und so weiter und so fort. Ich bin eben kein Schauspieler, der sich an ein Drehbuch hält. Das kann ich einfach nicht. Und ich möchte es ehrlich gesagt auch gar nicht. Veränderungen werden leicht überschätzt.

ZEIT: Sie haben Ihre Karriere allerdings nicht als Komödiant begonnen.

Waalkes: Um mein Kunststudium zu finanzieren, bin ich in kleinen Clubs in Hamburg aufgetreten. Mit Folksongs wie The House of the Rising Sun. Ich war ziemlich aufgeregt und hab mich dafür in den Zwischenansagen entschuldigt: "Sorry, ich bin jetzt ziemlich aufgeregt." Dabei ist mir das Mikrofon runtergefallen – die Leute haben sich weggeschmissen vor Lachen. Mich hat das zunächst gewundert, denn es war ja nicht als Scherz gedacht. So bin ich zum Komiker geworden, eigentlich wider Willen, es hat aber im Rückblick etwas Zwangsläufiges.

"Es gibt die starke Bereitwilligkeit des Deutschen, über sich selbst zu lachen"

ZEIT: Hatten Sie in Ihrem Fach Vorbilder?

Waalkes: Klar, Heinz Erhardt zum Beispiel. Den habe ich noch live gesehen. Und auch gesprochen. War sehr nett, ein wenig scheu. Dagegen hatte er meist eine Thermoskanne mit Schnaps auf der Bühne. Erhard hatte diese schüchterne Attitüde kultiviert, diese Mischung aus Tollpatschigkeit und Schlüpfrigkeit.

ZEIT: Diese Mischung kennt man von Ihnen auch.

Waalkes: Die Schlüpfrigkeit hat nachgelassen. Vielleicht auch deshalb, weil das gar nicht mehr so zündet. Die Tabugrenzen haben sich ziemlich verschoben, nicht nur im Sexuellen. In den Siebzigern habe ich einmal darüber gescherzt, dass der Papst Selbstmord begeht: "Warum nicht, wenn er auf diese Weise beruflich aufsteigen kann?" – Daraufhin wurde ich dazu gedrängt, mich zu entschuldigen. Selbst der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat das gefordert.

ZEIT: Tabus gibt es heute keine mehr?

Waalkes: Klar, aber sie betreffen zum Teil andere Bereiche: Wenn ich antifeministische oder antiökologische Witze machen würden, wäre heute die Hölle los. Früher war es umstritten, ob man Priester parodieren dürfe, wie in meinem "Wort zum Montag".

ZEIT: Offenbar fühlte sich die Kirche noch so stark, dass sie Widerstand leisten konnte.

Waalkes: Heute wär sie froh, noch parodiefähige Vorlagen liefern zu dürfen. Früher konnte ich schöne Militärklamotten machen, die "Manöverkritik" zum Beispiel mit dem Befehl zum Unterhosenwechsel: "Meier wechselt mit Müller, Müller wechselt mit Schulze ...", und mich dabei über den Kasernenhofjargon lustig machen. Das würde heute keiner mehr kapieren, weil sich Generäle als allseits verbindliche Autoritäten verabschiedet haben. Noch vor einigen Jahren galten auch Politiker wie Franz Josef Strauß als unangreifbar. Meine Robert-Neumann-Paraphrase "Der See ist trüb, die Luft ist rein – Franz Josef muss ertrunken sein" würde aktuell keinen CSU-Anhänger mehr provozieren.

ZEIT: Weshalb sind Reime manchmal komisch?

Waalkes: Eigentlich immer. Ein komisches sprachliches Phänomen, dass zwei ganz unterschiedliche Sachen so ähnlich klingen. Irgendwie pervers – kennen Sie einen Reim mit pervers? "Meine Reime sind recht teuro: Per Vers kassier ich tausend Euro."

ZEIT: Ein Brüller!

Waalkes: Die Leute mögen das.

ZEIT: Weil oder obwohl es sich nur mit blinder Gewalt reimt?

Waalkes: Der Reim hat es an sich, dass er meistens irgendwie verheerende Folgen für die Zeile davor hat. Die Leute sind immer kurz davor, selbst auf das Reimwort zu kommen, aber ich muss ein klein wenig schneller sein, damit es wirkt. Dann freuen sich alle, das ist perfekt. Der Zuschauer ahnt die Pointe, kann sie aber noch nicht formulieren, und dann kommt sie. Bums! Wenn er sie schon kennt, ist es langweilig. Wenn er völlig überrascht ist und erst nachdenken muss, auch schlecht. Er muss unbewusst eine Ahnung haben und dann schlagartig bestätigt werden. Das ist Timing.

ZEIT: Im Fernsehen sind Sie seit einiger Zeit nicht mehr zu sehen. Warum eigentlich nicht?

Waalkes: Weil es keine Freude mehr macht. Das ist eine bekannte Klage, aber es ist nun mal so, der Quotendruck ist schrecklich: Mach den Scherz nicht, dann fallen die 14-Jährigen als Zuschauer aus! Oder: Wenn du das noch einbaust, kriegen wir die alleinerziehende Mutter Mitte 30! Solche Gedanken macht man sich da. Ist nicht mein Ding.

ZEIT: Glauben Sie, dass die Deutschen einen besonderen Humor haben? Einen, den es in anderen Ländern nicht gibt?

Waalkes: Ich glaube, ja. Es gibt die starke Bereitwilligkeit des Deutschen, über sich selbst zu lachen.

ZEIT: Tatsächlich?

Waalkes: Viele können Witze über die eigene Stadt, über ihr eigenes Land, die eigene Mentalität aushalten. So viel Selbstbewusstsein ist gar nicht selbstverständlich.

ZEIT: Wie alt kann die Figur Otto eigentlich noch werden?

Waalkes: Ist Otto eine Figur? Das weiß ich eben nicht. Aber gut, nehmen wir an, Otto wäre eine Figur: Dann kann sie natürlich gar nicht altern. Die Schlümpfe altern ja auch nicht.

ZEIT: Mit 75 könnte sie vielleicht nicht mehr so glaubwürdig inszeniert werden?

Waalkes: Schauen Sie sich Mick Jagger an oder Charles Aznavour. Die halten das auch durch. Ich verstehe die Frage nicht.