ZEIT: Hatten Sie in Ihrem Fach Vorbilder?

Waalkes: Klar, Heinz Erhardt zum Beispiel. Den habe ich noch live gesehen. Und auch gesprochen. War sehr nett, ein wenig scheu. Dagegen hatte er meist eine Thermoskanne mit Schnaps auf der Bühne. Erhard hatte diese schüchterne Attitüde kultiviert, diese Mischung aus Tollpatschigkeit und Schlüpfrigkeit.

ZEIT: Diese Mischung kennt man von Ihnen auch.

Waalkes: Die Schlüpfrigkeit hat nachgelassen. Vielleicht auch deshalb, weil das gar nicht mehr so zündet. Die Tabugrenzen haben sich ziemlich verschoben, nicht nur im Sexuellen. In den Siebzigern habe ich einmal darüber gescherzt, dass der Papst Selbstmord begeht: "Warum nicht, wenn er auf diese Weise beruflich aufsteigen kann?" – Daraufhin wurde ich dazu gedrängt, mich zu entschuldigen. Selbst der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat das gefordert.

ZEIT: Tabus gibt es heute keine mehr?

Waalkes: Klar, aber sie betreffen zum Teil andere Bereiche: Wenn ich antifeministische oder antiökologische Witze machen würden, wäre heute die Hölle los. Früher war es umstritten, ob man Priester parodieren dürfe, wie in meinem "Wort zum Montag".

ZEIT: Offenbar fühlte sich die Kirche noch so stark, dass sie Widerstand leisten konnte.

Waalkes: Heute wär sie froh, noch parodiefähige Vorlagen liefern zu dürfen. Früher konnte ich schöne Militärklamotten machen, die "Manöverkritik" zum Beispiel mit dem Befehl zum Unterhosenwechsel: "Meier wechselt mit Müller, Müller wechselt mit Schulze ...", und mich dabei über den Kasernenhofjargon lustig machen. Das würde heute keiner mehr kapieren, weil sich Generäle als allseits verbindliche Autoritäten verabschiedet haben. Noch vor einigen Jahren galten auch Politiker wie Franz Josef Strauß als unangreifbar. Meine Robert-Neumann-Paraphrase "Der See ist trüb, die Luft ist rein – Franz Josef muss ertrunken sein" würde aktuell keinen CSU-Anhänger mehr provozieren.

ZEIT: Weshalb sind Reime manchmal komisch?

Waalkes: Eigentlich immer. Ein komisches sprachliches Phänomen, dass zwei ganz unterschiedliche Sachen so ähnlich klingen. Irgendwie pervers – kennen Sie einen Reim mit pervers? "Meine Reime sind recht teuro: Per Vers kassier ich tausend Euro."

ZEIT: Ein Brüller!

Waalkes: Die Leute mögen das.

ZEIT: Weil oder obwohl es sich nur mit blinder Gewalt reimt?

Waalkes: Der Reim hat es an sich, dass er meistens irgendwie verheerende Folgen für die Zeile davor hat. Die Leute sind immer kurz davor, selbst auf das Reimwort zu kommen, aber ich muss ein klein wenig schneller sein, damit es wirkt. Dann freuen sich alle, das ist perfekt. Der Zuschauer ahnt die Pointe, kann sie aber noch nicht formulieren, und dann kommt sie. Bums! Wenn er sie schon kennt, ist es langweilig. Wenn er völlig überrascht ist und erst nachdenken muss, auch schlecht. Er muss unbewusst eine Ahnung haben und dann schlagartig bestätigt werden. Das ist Timing.

ZEIT: Im Fernsehen sind Sie seit einiger Zeit nicht mehr zu sehen. Warum eigentlich nicht?

Waalkes: Weil es keine Freude mehr macht. Das ist eine bekannte Klage, aber es ist nun mal so, der Quotendruck ist schrecklich: Mach den Scherz nicht, dann fallen die 14-Jährigen als Zuschauer aus! Oder: Wenn du das noch einbaust, kriegen wir die alleinerziehende Mutter Mitte 30! Solche Gedanken macht man sich da. Ist nicht mein Ding.

ZEIT: Glauben Sie, dass die Deutschen einen besonderen Humor haben? Einen, den es in anderen Ländern nicht gibt?

Waalkes: Ich glaube, ja. Es gibt die starke Bereitwilligkeit des Deutschen, über sich selbst zu lachen.

ZEIT: Tatsächlich?

Waalkes: Viele können Witze über die eigene Stadt, über ihr eigenes Land, die eigene Mentalität aushalten. So viel Selbstbewusstsein ist gar nicht selbstverständlich.

ZEIT: Wie alt kann die Figur Otto eigentlich noch werden?

Waalkes: Ist Otto eine Figur? Das weiß ich eben nicht. Aber gut, nehmen wir an, Otto wäre eine Figur: Dann kann sie natürlich gar nicht altern. Die Schlümpfe altern ja auch nicht.

ZEIT: Mit 75 könnte sie vielleicht nicht mehr so glaubwürdig inszeniert werden?

Waalkes: Schauen Sie sich Mick Jagger an oder Charles Aznavour. Die halten das auch durch. Ich verstehe die Frage nicht.