Den Moment, als ich den WM-Pokal im Maracanã-Stadion gen Himmel strecken durfte, werde ich nie vergessen. Ganz langsam realisierte ich, dass wir es geschafft haben. Tatsächlich: All die Mühe, Konzentration, die Anstrengung hatten sich gelohnt. Der Druck fiel ab. Basti, Miro, Per, Thomas und Manuel kamen auf mich zu und bedankten sich, das kam aus tiefem Herzen, das bedeutet mir sehr viel. Ich bin kein Mensch, der beim Feiern alles um sich herum vergisst, aber Weltmeister zu sein, das fühlt sich unbeschreiblich schön an.

Trotzdem will ich mir nichts vormachen. Ich kenne auch die andere Seite, die Enttäuschung, die sich festsetzt, wenn man es im entscheidenden Moment nicht geschafft hat, die Leistung abzurufen. Das Gefühl des Scheiterns geht mindestens genauso tief wie das des Triumphierens. Ich kann mich nur komplett einer Aufgabe hingeben, ein bisschen Philipp geht einfach nicht. Manche sagen, das sei eine meiner größten Stärken, für mich ist das ganz normal. Sich ganz auf eine Sache einzulassen, das kann leider auch zu Enttäuschung führen, dann, wenn man das Ziel nicht erreicht.

Im Fußball, in meinem Beruf, liegen Sieg und Niederlage so verdammt dicht beieinander. Wie wäre das WM-Finale wohl ausgegangen, wenn Gonzalo Higuaín in der 22. Minute für Argentinien getroffen hätte? Oder eine andere Chance genutzt worden wäre? Ich möchte nicht darüber nachdenken.

Diese Achterbahnfahrt der Gefühle fordert jeden Fußballer heraus. Wahrscheinlich kann man den Balanceakt auf höchstem Niveau als Leistungssportler nur bewältigen, wenn man sich immer wieder klarmacht: Das kann auch schiefgehen.

So richtig realisiert habe ich das vor zwei Jahren. Damals verloren wir mit dem FC Bayern im Finale der Champions League zu Hause in München gegen den FC Chelsea. Eine ganz knappe Niederlage. Rückblickend war das eines der Spiele in meiner Karriere, die mich am meisten geprägt haben. Ich haben eines meiner besten Spiele gemacht an diesem Tag – aber es hat trotzdem nicht gereicht. Anfangs war ich einfach nur frustriert. Dann dachte ich wieder und wieder über diesen Finalabend nach, und mir wurde bewusst, dass im Fußball, wie wahrscheinlich auf höchstem Niveau im Profisport generell, die wenigsten Dinge zu hundert Prozent selbstbestimmt ablaufen.

Wir Sportler befinden uns in einer ständigen Abhängigkeit von Zufällen, von Dingen, die wir nicht beeinflussen können – manches ist einfach auch Glück. Langsam begann ich, zu akzeptieren, dass das Scheitern dazugehört, und entwickelte Demut vor dem, was ich mache. Ein Jahr später gewannen wir dann die Champions League. Klar, von außen betrachtet könnte man denken, welch eine Genugtuung, all die negativen Erfahrungen seien von der Freude ausgelöscht worden. Aber so einfach ist das nicht. Ich spiele nun seit zehn Jahren auf hohem Niveau, alle Eindrücke fließen zusammen und ergeben ein Gefühl, die Kunst liegt darin, im passenden Moment die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Als Mannschaftskapitän kosten solche Ereignisse wie die im Finale der Champions League besonders viel Kraft. Es geht nicht nur darum, sich aufs eigene Spiel zu konzentrieren. Ich übernehme Verantwortung, entwickle eine Haltung, um vorausgehen zu können. Das ist schön, zehrt aber auch. Durch die extremen Erfahrungen, die ich innerhalb eines Jahres machte, wurde mir bewusst, dass ich mich nicht vom Leistungssport treiben lassen will. Mein Leben gehört mir. Wenn ich glücklich bleiben will, auch über meine Fußballkarriere hinaus, dann muss ich mein Leben selbst bestimmen, das heißt: Entscheidungen treffen, bevor sie mich einholen.

Deshalb entschied ich mich im Herbst 2013, nach der Weltmeisterschaft in Brasilien meine Karriere in der Nationalmannschaft zu beenden und mich nur noch auf meine Führungsrolle als Kapitän beim FC Bayern zu konzentrieren. Natürlich ist es ein Geschenk des Schicksals, dass wir nun, passend zu meinem Rücktritt, den Titel gewonnen haben. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, heißt es doch immer. Aber ich wäre auch zurückgetreten, wenn wir ohne diesen Triumph nach Hause gefahren wären. Manchmal mag es so wirken, als sei mein Leben bis ins kleinste Detail geplant, alles Kalkül. Das klingt, als wäre ich ausschließlich rational veranlagt. Das stimmt nicht. Vielleicht sehen die Menschen oft nur das, was sie sehen wollen. Was ich allerdings schon immer hatte, war ein gewisses Realitätsbewusstsein. Das habe ich wohl zwangsläufig entwickeln müssen. Wahrscheinlich hätte ich mich ohne die Fähigkeit der Selbsteinschätzung gar nicht im Profifußball durchgesetzt. Seit Beginn meiner Karriere musste ich meine eigene Rolle finden. Es gab kein Vorbild, an dem ich mich orientieren konnte. Denn mit meiner Körpergröße als Verteidiger zu spielen war damals eher die Ausnahme. Ich musste mir immer Gedanken machen, wie ich meine Qualitäten einbringen könnte, musste mich immer wieder antreiben, mich durch clevere Aktionen in Szene setzen, um mich durchzusetzen.

Diese Suche nach einer eigenen Rolle führte dazu, dass ich mich sehr viel mit dem Spiel beschäftigte und mit meinen Trainern über Entwicklungen unterhielt. Ich lebte immer eine Generation vor meiner, der Zeit voraus, und wurde dadurch vielleicht ein bisschen schneller erwachsen. Ich fand Gefallen daran, mich einzubringen.

Bundestrainer Joachim Löw war immer einer der wichtigsten Gesprächspartner für mich. Vielleicht ist das nun auch der richtige Zeitpunkt, um mit dem Gerücht aufzuräumen, ich hätte bei der WM in Brasilien lieber im Mittelfeld gespielt als in der Abwehr. Für mich spielte es überhaupt keine Rolle, auf welcher Position ich meine Mannschaft unterstützte. Bei einem solchen Turnier ist nur entscheidend, dass alle Mosaiksteine zusammenpassen.

Natürlich muss ich als Kapitän die Möglichkeit haben, meine Meinung einzubringen. Das war in den letzten Jahren in der Nationalmannschaft immer der Fall. Es geht jedoch nicht darum, auf Teufel komm raus etwas durchzusetzen. Kapitän zu sein bedeutet ein ständiges Wechselspiel zwischen einbringen und zurücknehmen. In Brasilien hatte ich zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, meine Ansichten äußern zu können. Ich glaube sogar, diese letzten Wochen waren der Höhepunkt der Zusammenarbeit zwischen Jogi Löw und mir.

Ich fühle mich noch immer fit und leistungsfähig. Aber es ist an der Zeit, neue Strukturen in mein Leben und in die Nationalmannschaft zu bringen. Nun kommt die nächste Generation in die Verantwortung, die Jungs sind teilweise acht, neun Jahre jünger als ich und müssen einen eigenen Anführer in ihrer Gruppe finden, den sie respektieren und mit dessen Unterstützung sie sich noch weiter entwickeln. Dieser Prozess ist ganz normal.

Fußball beinhaltet nicht nur ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Die Phase, in der man auf höchstem Niveau spielen kann, ist kurz, die Intensität nimmt immer mehr zu. Es ist nicht einfach zu gehen. Aber ich bin stolz auf diese Entscheidung. Ich habe bewusst diesen Weg gewählt. Vielleicht hätte ich noch bis zur EM das Niveau halten können, aber ich bin froh, mich befreit zu haben und nun selbst bestimmt zu haben über mein Karriereende in der Nationalmannschaft. Wenn man es geschafft hat, Respekt vor dem Job zu entwickeln, dann ist der Rücktritt nun die logische Konsequenz.

Ich möchte meine Karriere beim FC Bayern beenden und bis dahin all meine Konzentration meiner Aufgabe im Verein zuwenden, denn ich weiß, dass ich diese Gabe nicht ewig strapazieren kann.