Bücher, die zweimal beginnen, von vorne wie von hinten, gibt es schon. Bei Milorad Pavić, aber auch in Benjamin Steins Leinwand begegnen sich zwei Perspektiven in der Mitte eines einzelnen Werks. Nicht weniger souverän innovativ kommt jetzt Rolf Niederhausers neuer Roman Seltsame Schleife daher, den man ein Werk mit U-Turn nennen könnte: Wer hinten angekommen ist, sollte es um 180 Grad drehen, dann sieht er die Seitenzahl 370 vor sich. Er ahnte es ja: Bisher konnte er nur die rechte Seite lesen, die andere stand auf dem Kopf und sollte links liegen gelassen werden. Und die elegant-vertrackte Form passt zur Handlung: Pit Dörflinger, Niederhausers Hauptfigur, gerät tief in den Urwald, aber erst auf dem Rückweg begreift er, warum er vom Weg abgekommen ist.

Dörflinger ist Wissenschaftler am Bostoner MIT und forscht in der Robotik über Gesichtserkennung. Vor dem ungeliebten Weihnachtstreffen mit der texanischen Familie seiner Frau entscheidet er sich im letzten Moment, die Ausfahrt nicht zu nehmen – und fährt bis nach Mexiko. Am Ende landet er in Bogotá, weil er einem Mädchen gefolgt ist, ohne zu wissen, warum.

1988 erschien Rolf Niederhausers NADA oder Die Frage eines Augenblicks, das bei aller Begabung die Erwartungen nicht erfüllen konnte. Seither gilt er als ewiges Talent. 1997 begann Niederhauser mit der Seltsamen Schleife. Der Mammutroman, der jetzt erschienen ist, hat, auch stilistisch, wenig mit seinem Debüt zu tun. Die kurzatmige Statik der Sprache, die dieses beherrschte, ist einem geschmeidigen Tempo gewichen. Oft lange, gut getaktete Sätze erzeugen einen erzählerischen Sog, den Niederhauser mit wenigen Unterbrechungen hält. Sinnlich in den Urwaldschilderungen, geschliffen klar in den gedanklichen Partien – ob zu Fragen der Wahrnehmung, der Künstlichen Intelligenz oder politischer Debatten.

Der Ex-Elektromonteur Niederhauser, der Wirtschaftswissenschaften studierte, ist, wie er in einem Interview sagte, zum "Handwerker der Innerlichkeit" mutiert, ohne die Außenwelt zu vergessen. Er hat sich, über den Schauplatz Lateinamerika und das Thema neuer Technologien, mit frischer Wirklichkeit versorgt.

Flor Marina, die Frau, der Dörflinger folgt, arbeitet in Medellín für eine Anti-Mafia-Selbstverwaltung. Spät erfährt Dörflinger, dass sie eine ehemalige Guerillakämpferin ist, die ausstieg, nachdem sie eine Polizistin erschossen hatte. Doch was hat Flor Marina mit Dörflinger zu tun? Zuerst wenig. Fasziniert nimmt er ihre Geschichte zur Kenntnis, während Niederhauser unauffällig Verwandtschaften herstellt. Dörflinger ist bei seinem Vater aufgewachsen, Flor Marina bei ihrer Mutter, die sich in den Urwald zurückgezogen hatte.

Auf dem Weg in ebendiesen Urwald schlafen Flor Marina und Pit miteinander – nach der behutsamen Vorgeschichte ist es ein Kampf und eine halbe Vergewaltigung. Am Morgen ist Flor Marina verschwunden. Um in der nächsten Stadt zu warten.

Tatsächlich ist mitten im Urwald ein Inzest geschehen, den Niederhauser mit einem kalauerhaft einfachen Trick ermöglicht: Flor Marina hatte einen Vater, von dem sie sagt, er komme aus Schweden. "Suecia", sagt sie. So kommt Dörflinger nicht auf die Idee, dass es sich um Suiza handelt, die Schweiz, aus der sein Vater stammt, der tatsächlich vor Jahren für die Aufzugsfirma Schindler in Kolumbien arbeitete.

Die ungeplante Reise Dörflingers, der an der Neuerschaffung des Menschen arbeitet, wird auf einmal zu einer schwierigen Reise zu seinem gebeutelten Selbst, für die Niederhauser in der Schleife Douglas Hofstadters und dem Möbiusband, auf dem Innen und Außen ineinander übergehen, Analogien findet und ein Bild, das dem Roman eine verschlungene, aber klare Struktur gibt. Ein tolles Buch. Strukturelle Innovation und inhaltliche Dichte finden zusammen. Man denkt an Max Frisch selig, an Stiller und Homo faber, doch der Vergleich ist hier nur ein Ausgangspunkt.