Schreibst du noch, oder hypnotisierst du schon? Oder anders: Liest man so etwas eigentlich, oder durchdämmert man es eher? Das ist wohl das angemessenere Verb für die Rezeption des Weltbestsellers Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea-Schrank feststeckte von Romain Puértolas. Ein neues Genre: der Roman für den Halbschläfer! Das Buch für den Abwesenden mit geöffneten Augen!

Der Franzose Romain Puértolas, früher Zauberkünstler, hat mit seinem Debüt tatsächlich einen Coup gelandet. Er hat wohl das perfekte Buch für die Stand-by-Phasen des überinformierten Globalisierungsmenschen zusammengestrickt. Bekanntermaßen führt Überinformiertheit und permanentes Angeschlossensein zu Anfällen von Apathie und Erschöpfung – und genau für diesen Sofazustand einer runtergedimmten Hirnaktivität ist hier alles entworfen: Man bekommt auch ohne Aufmerksamkeit alles mit.

Gleich der erste Satz, nämlich der Titel, erzählt schon die halbe Geschichte: ein Schelmenroman mit ein bisschen Exotik und Orten, die fast jeder kennt. Der gleichermaßen charmante wie einfältige indische Fakir namens Ayarajmushee Dikku Pradash fliegt nach Frankreich, um in einer Pariser Ikea-Filiale ein neues Nagelbrett zu kaufen. "Schwedische Kiefer". Mit 15.000 rostfreien Nägeln. Ein Nagelbrett bei Ikea? Das ist eben das Unglaubliche, das unglaublich Witzige.

Ayarajmushee ("sprich, Ayran in der Moschee") hat genau 100 Euro in Form eines gefälschten Scheins in der Tasche. Mit dem will er das Nagelbrett in "Puma-Rot" kaufen und dann flugs zurück nach Indien. Natürlich kommt alles anders, denn erstens ist der Roma-Taxifahrer gar nicht begeistert, als er merkt, dass ihn der seltsame Inder betrogen hat. Zweitens ist das Nagelbrett teurer als gedacht, weshalb Ayarajmushee in der Ikea-Cafeteria drittens nach einer einsamen Frau Ausschau hält, die er mithilfe einer präparierten Ray-Ban und seiner "Coca-Cola-braunen Augen" übers Ohr hauen kann. Die Reise beginnt übrigens, als er danach die Nacht bei Ikea verbringt und sich, um nicht entdeckt zu werden, in einen Schrank flüchtet, der dann weggeschleppt wird, um nach England verschifft zu werden.

Einem Roman scherenschnittartige Figuren, halsbrecherische Übergänge und albernen Humor vorzuwerfen, der stolz wie Bolle seine handwerkliche Nachlässigkeit zur Schau stellt und sich gut gelaunt einen Kehricht um Verhältnismäßigkeit schert, macht keinen Spaß. Viel interessanter ist die Frage: Wie hat Puértolas es gemacht? Welche scheinbar gesellschaftlich relevanten Themen werden mit welchen auf der ganzen Welt bekannten Superzeichen wie verdrahtet? Und schließlich: In welchem Verhältnis mischt Puértolas einschläfernde Leserverdummung mit wach haltendem Erkenntnisversprechen? 80 zu 20, würde ich sagen, was geschickt ist, weil es damit ziemlich genau dem Verhältnis zwischen Bullshit und Substanz entspricht, das einem aus dem wirklichen Leben vertraut sein dürfte.