Selbst mit 83 Jahren hat Medienmogul Rupert Murdoch noch Träume: Der Amerikaner greift nach dem US-Riesen Time Warner. 80 Milliarden Dollar in Cash und Aktienoptionen sei Murdoch bereit zu zahlen, ließ er Konzernchef Jeff Bewkes wissen. Damit würde nicht nur die Medienkonzentration in Amerika voranschreiten, Murdoch könnte auch CNN kontrollieren, den – verglichen mit den stramm rechten Fox News – eher liberalen Nachrichtensender. Zunächst hat der Aufsichtsrat von Time Warner, dem auch Springer-Chef Mathias Döpfner angehört, das Angebot abgelehnt. 85 Dollar pro Aktie seien zu wenig. Der New York Post zufolge erwartet Time Warner ein Angebot von über 100 Milliarden Dollar.

Schon mobilisiert Murdoch weitere Mittel. Er will dem Vernehmen nach noch in diesem Monat seinen 55-prozentigen Anteil an den Bezahlsendern Sky Deutschland und Sky Italia verkaufen. Allein der deutsche Ableger könnte 3,5 Milliarden Euro bringen. Käufer soll das britische Bezahlfernsehen BSkyB sein, berichtete die Murdoch-eigene Times of London. Auch die Mehrheit von BSkyB gehört Murdoch. Linke Tasche, rechte Tasche möchte man meinen. Doch dieser Trick ermögliche Murdoch Zugriff auf Barreserven, mit denen die Übernahme am Ende gestemmt werden solle, so die Times . Eine offene Frage ist, in welcher Höhe die Kleinaktionäre von Sky Deutschland abgefunden werden, denen Murdoch ein Kaufangebot unterbreiten muss. Auch Bewkes wird von einem Time-Warner-Verkauf profitieren: Dem CEO gehört ein stattliches Aktienpaket; Bloomberg News schätzt, dass er an einem Eigentümerwechsel knapp 80 Millionen Dollar verdienen würde.

Aber ist das Geschäft überhaupt sinnvoll? Time Warner und Murdochs News Corp repräsentieren sehr unterschiedliche Welten in der US-Medienindustrie. Time Warner, einst der weltweit größte Medienkonzern, ist ein Gesamtkunstwerk; entstanden aus gescheiterten Fusionen. Ursprünglich war der Konzern ein Amalgam aus dem Magazinverlag Time Inc. und dem Hollywood-Studio Warner Bros. In den siebziger Jahren kam der Bezahlkanal HBO hinzu, heute das Flaggschiff des liberalen New Yorker Establishments. 1996 wurde Turner Broadcasting erworben, mit CNN, Turner Classic Movies und anderen Film- und Fernsehtöchtern. Als der Konzern 2000 mit AOL fusionierte, wurde allseits der Start ins Internetzeitalter bejubelt.

Weit gefehlt. Nach dem Platzen der Internetblase setzte eine desaströse Abwärtsspirale ein, begleitet von internen Zänkereien. Als der Aktienkurs weiter fiel, wurde Bewkes an Bord geholt. Er ist ein Technokrat, der den Konzern de facto abwickelte. Nach und nach wurden AOL, Time Warner Cable und – erst in diesem Juni – Time Inc. abgestoßen. Heute besteht das Unternehmen praktisch nur noch aus Film- und Fernsehtöchtern.

Murdoch hingegen ist ein Außenseiter, ein Familienpatriarch, der sein Imperium mit Bedacht aufbaut und der keine Querschüsse duldet. Der Sohn eines australischen Verlegers begann mit zwei Ikonen: der Times of London und der News of the World. Letztere machte er nach einem Abhörskandal dicht. Dann eroberte Murdoch Amerikas Medienszene: New York Post, 20th Century Fox, den Verlag HarperCollins, zuletzt das Wall Street Journal . Um einen terrestrischen Sender zu gründen, Fox Broadcasting, nahm er 1985 die US-Staatsbürgerschaft an. Noch heute ist die Murdoch-Familie der größte Anteilseigner des Konzerns; er soll einmal von Murdochs Söhnen Lachlan und James geleitet werden.

Murdoch hat Time Warner nur Aktien angeboten, die nicht stimmberechtigt sind. Damit will er die Kontrolle in der Familie halten. Aus Sicht von Time Warner ist das zwar ein Problem, doch der greise Murdoch scheint am besten gerüstet zu sein, der neuen Internetwelt von Google, Apple und Amazon Paroli zu bieten. So hat HarperCollins angefangen, seine Bücher selbst auf der Verlagswebsite zu verkaufen. Und derzeit steht mit Streaming Services wie Netflix oder YouTube die Neuordnung von Film und Fernsehen an. Wäre ein Großteil der Inhalte in einer Hand, würde das die Macht der Produzenten gegenüber den Vertreibern stärken. Ein solches Argument könnte auch die US-Kartellbehörde FCC beeindrucken, die Murdoch einst untersagt hat, die Los Angeles Times zu erwerben.

Um deren Bedenken zu zerstreuen, bot Murdoch bereits an, CNN abzustoßen. Allerdings: Beim Kauf des Wall Street Journal versprach er, keine eigenmächtigen Entscheidungen zu treffen – und tat es doch. Die New York Post verkaufte er auf Weisung der FCC – und kaufte sie wieder zurück. Aber wäre die Übernahme für CNN überhaupt so schlecht? Wenn es um Marktanteile geht, deckt Murdoch gerne auch das linke Spektrum ab, mit Produktionen wie Die Simpsons, Akte X und Avatar. Und so fragen sich manche bereits: Wer, wenn nicht Murdoch, könnte CNN in einen erfolgreichen linken Kampfsender verwandeln?