Das würde auch die exportorientierte deutsche Wirtschaft treffen. Bereits im April brachen die deutschen Ausfuhren nach Russland im Vergleich zum Vorjahr um 16,9 Prozent ein. Dabei waren zu diesem Zeitpunkt die neuen Sanktionen der USA noch nicht einmal in Kraft, die die Wirtschaft in Russland weiter schwächen und damit die Nachfrage nach Waren aus dem Ausland dämpfen dürften. Der Effekt verstärkt sich noch, wenn die Europäer nachziehen und ihre Sanktionen ebenfalls verschärfen.

Deutschland wird das keine Rezession bescheren, die Ausfuhren nach Russland machen weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Aber es wird wohl zu messbaren Einbußen beim Wachstum führen und am Ende auch Arbeitsplätze kosten. "Unabhängig von Wirtschaftssanktionen dürften die deutschen Exporte nach Russland und in die Ukraine in diesem Jahr um über sechs Milliarden Euro sinken. Allein dadurch stehen in Deutschland mindestens 25.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel", vermutet der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes.

Was bedeuten die neuen Entwicklungen für die Energiepreise in Europa?

Das hängt davon ab, wie die russische Regierung auf die Sanktionen reagiert. Schränkt sie den Export von Erdöl und Erdgas ein, werden die Preise steigen. Mit großen Ausschlägen wäre kurzfristig allerdings auch dann nicht zu rechnen. Zurzeit ist der Weltmarkt gut versorgt mit Öl, und obendrein sind die westeuropäischen Gaslager zu drei Vierteln gefüllt. Weil Erdöl und Erdgas Russlands wichtigste Exportprodukte und Devisenbringer sind, ist mit einer Einschränkung der Exporte ohnehin kaum zu rechnen. Geschweige denn mit einem Lieferstopp. Aus russischer Sicht wäre eine solche Drohung sogar riskant, weil die Kundschaft dann veranlasst wäre, sich dauerhaft nach anderen Energielieferanten umzuschauen. Das gilt vor allem für Erdöl, weniger für Erdgas, dessen Transport aus anderen Herkunftsländern deutlich aufwendiger ist.

Langfristig könnten die Krise und die verschärften Sanktionen die Energiepreise allerdings doch steigen lassen. Die Sanktionen schränken schließlich die Möglichkeiten russischer Unternehmen ein, sich Kapital und Know-how im Ausland zu beschaffen. Beides ist jedoch nötig, um die Energievorräte in der Arktis zu erschließen und zu fördern. Gelingt das nicht, würden Öl und Gas schneller als erwartet knapp – mit der Folge steigender Preise.

Wie können wir uns von Russland unabhängig machen?

Russland ist Europas wichtigster Öl- und Gaslieferant. Beim Erdöl wäre es recht einfach für die Importnationen, schnell auf andere Bezugsquellen auszuweichen. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass russisches Öl dann über Umwege nach Europa gelangt. Europas eigene Erdölförderung ist seit Jahren rückläufig. Ob sich der Trend durch Erschließung unkonventioneller Lagerstätten mit der umstrittenen Fracking-Technik umkehren lässt, ist ungewiss. Neue Bezugsquellen sind aber nicht der einzige Weg zu mehr Unabhängigkeit. Öl einzusparen wäre ein anderer. Es wird vor allem in Automotoren verbrannt. Strengere Verbrauchsvorschriften und alternative Antriebe könnten die Ölnachfrage mittelfristig senken.

Die Erdgasimporte aus Russland zu ersetzen ist schwieriger. Nur Norwegen, nach Russland Europas zweitwichtigster Lieferant, könnte mehr liefern als heute, allerdings bei Weitem nicht die russischen Mengen ersetzen. Laut Internationaler Energieagentur wird Europas eigene Gasförderung rückläufig bleiben. Zwar könnte Europa mehr Flüssiggas aus Katar, Nigeria oder Algerien importieren – vor allem in Südeuropa gibt es bereits viele, nicht ausgelastete Anlandeterminals. Allerdings sind die verfügbaren Flüssiggasmengen viel zu gering, um russisches Erdgas kurzfristig auch nur ansatzweise ersetzen zu können. Am amerikanischen Gasboom kann Europa vorerst auch kaum teilhaben, weil es in den USA an Verladeterminals fehlt. Flüssiggas aus anderen Ländern ist also nur mittel- bis langfristig eine Alternative zu russischem Gas – und dann wohl zu relativ hohen Preisen.

Zunächst bleibt vor allem eins: Sparsamkeit. Das meiste Gas dient zum Heizen von Gebäuden. Wärmedämmung ist somit der effektivste Weg, um sich unabhängiger von Russland zu machen.