Die Schweizer Wirtschaft schlägt Alarm. Gemäß einer Studie der Boston Consulting Group werden bald über 400.000 Fachkräfte fehlen: Wegen der Abschottungsinitiative und des demografischen Wandels. Die Chefs des Arbeitgeberverbands wollen deshalb auf die Frauen setzen. Es ist wie immer: Ist Not am Mann, müssen wir Frauen ran.

Allerdings sind bereits 75 Prozent der Frauen in der Schweiz erwerbstätig – die meisten aber nur Teilzeit. Da schlummert ein riesiges Potenzial von 1,2 Millionen meist gut ausgebildeten Frauen, die eigentlich mehr arbeiten könnten. Nur: Die Entwicklung der Frauenerwerbsarbeit in der Schweiz widerspiegelt die ökonomische und gesellschaftspolitische Stimmung im Land. Bis vor dem Ersten Weltkrieg war fast die Hälfte der Frauen erwerbstätig, vorwiegend in Fabriken, in Heimarbeit und als Dienstbotinnen mit Sechzigstundenwochen. Die Löhne waren so mickrig, dass eine Familie beide Einkommen brauchte, um zu überleben. Obwohl die Frauenerwerbsarbeit unerlässlich war, wurde sie in bürgerlichen Kreisen nicht gerne gesehen. Und bei den Arbeiterorganisationen übrigens auch nicht. Die einen idealisierten die Frau als Hausfrau und Mutter, die anderen fürchteten die zusätzliche Lohnkonkurrenz.

In den folgenden Jahrzehnten sank die Frauenerwerbstätigkeit auf den Tiefstand von etwa einem Drittel in den 1950er Jahren. Die verheirateten Frauen zogen sich vom Arbeitsmarkt zurück. Einige Kantone belegten Lehrerinnen sogar mit einem Berufsverbot, sobald sie heirateten. Das böse Wort vom "Doppelverdienertum" machte die Runde; und es wirkt unterschwellig bis heute nach. Die Hochkonjunktur, die Pille und die Frauenbewegung ließen zwar die Erwerbszahlen ab den 1960er Jahren steigen, aber immer noch galt: Erwerbstätige Mütter mit Kindern sind Rabenmütter.

Nach der abgelehnten EWR-Abstimmung kamen die dunklen 1990er Jahre mit nie gekannten Arbeitslosenzahlen. Die weiblichen Reservistinnen wurden teilweise demobilisiert. Nach der Jahrtausendwende, als die Konjunktur dank der bilateralen Verträge anzog, waren qualifizierte Frauen zwar wieder gefragt. Nur fehlte den zuvor Ausrangierten dann die Berufserfahrung.

Ja, die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft behandelten Frauen in der Schweiz immer als Reservearmee, die man je nach ökonomischer Lage aufbieten konnte. Darum gelang es nie, die Frage nach einer Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu lösen. Anders als etwa in Skandinavien und Frankreich mit ihren staatlich finanzierten Kitas und Tagesschulen und der damit einhergehenden hohen Mütter-Erwerbstätigkeit steht in der Schweiz heute für lediglich elf Prozent der Vorschulkinder und für acht Prozent der Schulkinder ein Vollzeitbetreuungsplatz zur Verfügung. Und zwar vorwiegend in großstädtischen Gebieten. Das hat System: Die Abstimmung zum Familienartikel im März 2013 zeigte, wie konservativ die strukturelle Ständemehrheit in der Schweiz immer noch tickt. Das Volk sagte zwar mit 54 Prozent Ja zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Mehrheit der ländlichen Deutschschweizer Kantone lehnte die Vorlage aber ab. Zudem ist die familienexterne Kinderbetreuung in der Schweiz für den gut qualifizierten Mittelstand im internationalen Vergleich rekordteuer. Die Wartelisten sind unendlich lang. Dazu kommt ein Steuersystem, das durch seine Progression jeden Anreiz des weniger verdienenden Partners abwürgt, mehr zu arbeiten. Dass viele berufstätige Mütter nur Teilzeit arbeiten, hat deshalb viel mit ökonomischen Zwängen zu tun. Erst recht, wenn die Frau mit der gleichen Arbeit weniger verdient als der Mann.

Deshalb, geschätzte Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, wenn Sie wollen, dass Frauen ihre Teilzeitpensen aufstocken, dann investieren Sie am besten selbst in die Kinderbetreuung. Und entwickeln Sie eine familienfreundliche Unternehmenskultur. Ohne diese wird es nämlich nicht gehen.

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd- Achse": Der Tessiner Financier Tito Tettamanti