Jonathan sitzt am Boden vor der Hauptbühne. Es ist Samstag, kurz vor neun Uhr. Noch immer drückt die Julihitze. Der 15-jährige "Spränzu" ist zum ersten Mal hier oben auf dem Gurten. Am Open-Air-Festival auf dem Berner Hausberg. Um ihn herum steht seine Clique, Buben und Mädchen, alle aus dem kleinen Mittelhäusern in der Berner Agglomeration. Aufgekratzt sind sie, nervös. Beim nächsten Konzert, sagt Jonathan, wollen sie zuvorderst stehen. Die wummernden Bässe, den dumpfen Stoß der Basedrum, den trockenen Knall der Snare. Sie wollen sie nicht nur hören, sie wollen sie spüren. "Geil ist das", sagt er. "Die Leute sind alle cool, die Musik und die Shows sind super."

Jonathan ist der älteste Bub in seiner Familie. Noch trägt er seine Schulklamotten, die ihm seine Mutter gekauft hat. Noch ist er mehr Kind als Mann. Doch wenn er nach vier Tagen, irgendwann am späten Sonntagabend, die Standseilbahn hinunter in die Stadt nimmt, aufs Tram an den Bahnhof umsteigt, und schließlich in der S6 in Richtung Schwarzenburg sitzt, wird er es spüren: Der Gurten hat aus ihm einen Mann gemacht. Das Festival ist eine rite de passage.

Das ging auch mir so. Als wir 15 Jahre alt waren, mein bester Sekundarschulkumpel und ich, da hatten wir gerade den Übertritt ins Gymnasium geschafft und die ersten Erfahrungen mit Alkohol hinter uns. Wir wollten raus aus dem kleinen Herzogenbuchsee. Da kauften wir uns ein Ticket für den Gurten. Nur für einen Tag, mehr Geld hatten wir damals nicht. Und als wir das erste Mal auf dem Festivalgelände standen, waren wir überwältigt. Die Leibermassen, der Lärm, die Musik.

17 Jahre später kehre ich zurück. Ich nehme das Gurtenbähnli, schwitze wie ein Ochse und hole an der Kasse meinen Armbändel. Wie vertraut es hier riecht, nach verfaulter Wiese, dem Duft der Festivalfreiheit. 20.000 Menschen tummeln sich an diesem Juliwochenende jeden Tag auf dem Gurten. Die allermeisten leben in Bern und seinem Umland. Das Open Air ist wie eine große Klassenzusammenkunft. Jeder kennt jeden über drei Ecken.

Schon Wochen bevor die erste Band auf die Waldbühne tritt, fällt in jedem Bar-Gespräch die alles entscheidende Frage: "Geisch ufe Güsche?" Denn im Juli ist die Stadt tot, die besten Bars sind geschlossen, die Beizen halb leer. Bern ist in den Ferien. Und wer hier bleibt, der geht auf den Gurten.

Als ich 15 war, lief der erste Hit von Stiller Has am Radio. Es war der Song über einen Hasen, der im unendlichen All verschwindet. Wir fanden ihn doof. Trotzdem wollten wir den Typen sehen, der solchen Bockmist singt. Und dann das: Da stand ein ziemlich großer, ziemlich fetter Typ auf der Bühne zusammen mit einem Gitarristen, der zugleich Schlagzeug spielte. Nach jedem Lied schnauzte Frontmann Endo Anaconda einen politischen Witz ins Mikrofon oder marschierte zu seinem Flachmann und genehmigte sich einen Schluck. Der Mann zerstörte sich öffentlich selbst. Wir waren begeistert. Und nippten stolz an unserem Bier. Wir fühlten uns wie große Intellektuelle, die den poetischen Weltschmerz des Hasen begriffen hatten.

Auf 840 Meter Höhe vergessen die Berner, wie sie sein sollten

2014 hat Endo 25 Kilogramm abgenommen und tritt mit Band auf der Waldbühne auf. Das abschüssige Gelände davor ist überfüllt mit Menschen. Bei den ersten Takten von Wallisellen räuspern sich alle, den Refrain singt das ganze Publikum lauthals mit. Der Song ist eine Hymne an die Schweizer Durchschnittlichkeit und Biederkeit. Ironisch gemeint, aber wird sie auch so verstanden?

Denn wer schreibt, auf dem Hügel über Bern treffe sich ganz Bern, der vergisst: die Ausländer. Auf dem Gurten spricht niemand Balkan-Slang oder Hochdeutsch. Kroaten, Serben, Kosovo-Albaner, Türken oder gar Deutsche? Sie finden nicht den Weg hier hoch. Auf dem Berg bleiben die Schweizer unter sich. Studenten mit Hornbrillen und kurzen Bärten, junge Frauen in knappestmöglichen Hotpants und Bikini-Oberteilen, Muskelmänner oben ohne und ältere Semester in diesen funktional-synthetischen Wanderoutfits mit abnehmbaren Hosenstößen. Im VIP-Zelt sitzen Herren mit Zigarren und Damen im Abendkleid. Das Festival gehört zu Bern wie der BSC Young Boys oder der SC Bern. Es ist ein Dorffest. Sehr schweizerisch, sehr traditionell.