Der Bauch sagt, nun ist es genug. Nun, da der Konflikt in der Ostukraine völlig eskaliert ist. Nun, da ein vollbesetztes Passagierflugzeug auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur vom Himmel geschossen wurde. Nun ist Schluss mit dem Kuschelkurs gegenüber Russland. Auch für die neutrale Schweiz. Es ist, wie die Nordwestschweiz schrieb: "Zeit für einen Schweizer Kurswechsel".

Nur: Was soll man sich darunter vorstellen? Und vor allem: Was würde ein solcher Kurswechsel bringen?

Da wäre zunächst einmal die Frage, ob sich ein neutrales Land überhaupt etwas anderes als einen Kuschelkurs gegenüber einer Großmacht leisten darf. Die Antwort ist: Klar, kann sie. Denn im engeren Sinn ist die Schweizer Neutralität seit den 1990er Jahren nur noch ein militärisches Konzept. Das Land nimmt an keinem Krieg teil. Punkt. Doch die Schweiz sendet Soldaten in das Kosovo oder verhängt seit dem UN-Beitritt Sanktionen, welche die Weltgemeinschaft beschließt. Selbst als Nicht-UN-Mitglied unterstützte Bundesbern im Kuwait-Krieg die Sanktionen gegen den Irak. Es liefert Waffen nach Südkorea, das sich offiziell noch immer im Kriegszustand befindet. Und bereits heute schaut die Schweiz, dass die europäischen oder amerikanischen Sanktionen gegen Russland und die Ukraine nicht über die Finanz- und Rohstoffhandelsplätze in Zürich oder Genf umgangen werden.

Neutralität meint also nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Wieso also nicht noch weiter gehen und zum Beispiel die geplante schwarze Liste der EU für russische Unternehmen und andere Financiers der Separatisten in der Ostukraine übernehmen? Weil die Neutralität eben auch ein außenpolitisches Mittel ist. Ein Instrument, um als Kleinstaat auf der globalen Bühne die Stimme zu erheben. Die Schweiz vertritt die USA im Iran, ist Gastgeber wichtiger Konferenzen, und das internationale Genf wäre ohne Neutralität nur schwer denkbar. Das mag manchmal unbeholfen, ja, lächerlich wirken. Auch die OSZE-Präsidentschaft von Außenminister Didier Burkhalter kann bis jetzt nur kleinste Erfolge in der Ukraine vorweisen. Seine Telefonate in den Kreml werden zwar beantwortet, aber man hört nicht auf ihn. Immerhin: Zurzeit arbeiten auch Schweizer Experten in der Ostukraine und untersuchen das Wrack von Flug MH 17. Der Schweizer Sondergesandte Tim Guldimann leitet die Beobachtermission der OSZE. Nichteinmischung sieht anders aus; die ehemalige Außenministerin Micheline Calmy-Rey prägte dafür den Puddingbegriff "aktive Neutralität".

Aber kuscheln muss man trotzdem nicht. Also keine russische Kampfjetformation zu den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag der Schweizer Luftwaffe einladen. Also keine russischen Gebirgssoldaten in Andermatt trainieren lassen. Also nicht mit Wladimir Putin kumpeln, wie SVP-Bundesrat Ueli Maurer oder CVP-Russlandversteher Fillipo Lombardi bei den Olympischen Spielen in Sotchi.

Neutralität ist eine clevere Idee, um für das Gute in der Welt zu vermitteln. Ihre politische Auslegung ist immer eine Gratwanderung. Fehltritte gehören dazu. Aber sie darf etwas nicht sein: ein Geschäftsmodell.