DIE ZEIT: Schwester Benedikta, Sie sind Eremitin in der Verenaschlucht im Kanton Solothurn. Ein entspanntes Leben?

Schwester Benedikta: Na ja, ich bin seit fünf Uhr auf den Beinen. Frühgebet, Klause fegen, Morgengebet, meine beiden Kapellen sauber machen und die Kerzenwachsreste vom Boden kratzen ...

ZEIT: Klingt nach Arbeit.

Schwester Benedikta: Es ist ja auch ein richtiger Job.

ZEIT: Sie haben ihn über eine Anzeige in der Zeitung gefunden: Die Gemeinde Solothurn suchte einen Eremiten für ihre Klause in der Schlucht. Unterkunft kostenlos, Gehalt rund 820 Euro im Monat. 119 Leute haben sich beworben. Wie lief Ihr Vorstellungsgespräch?

Schwester Benedikta: Da saßen fünf Leute vom Bürgerrat und haben mich gelöchert. Zu Glaubensfragen, aber auch, ob ich das aushalte: kein Fernseher, kein Internet – und nachts alleine in der Natur, wenn wilde Tiere schreien.

ZEIT: Klingt tatsächlich etwas unheimlich.

Schwester Benedikta: Ich wohne seit Anfang Juli hier, aber Angst hatte ich noch nie. Nicht mal in der ersten Nacht, als es heftig gewitterte. Tiere sind hier allerdings schon zu hören, auch tagsüber; vor allem die Vögel singen ganz schön laut. Inzwischen kann ich ihre Stimmen ziemlich gut unterscheiden.

ZEIT: Wie wohnen Sie? Ganz asketisch, Bett, Tisch, Kruzifix?

Schwester Benedikta: So karg ist es nicht, ich habe sogar Festnetz-Telefon. Die Klause ist ein 400 Jahre altes Häuschen mit Schindeln, unten gibt es einen Raum, Küche und Bad, oben einen Dachboden.

ZEIT: Wie weit sind die nächsten Nachbarn entfernt?

Schwester Benedikta: Eine halbe Stunde zu Fuß. Aber ich bekomme viel Besuch. Vor allem gegen Mittag ist hier richtig was los. Da strömen die Menschen herbei, täglich etwa hundert. Junge und alte Leute, Familien, Jogger, Biker. Seit ich hier arbeite, esse ich schon um elf Uhr zu Mittag. Später habe ich dafür nicht mehr die Ruhe.

ZEIT: Was lockt so viele in die Verenaschlucht?

Schwester Benedikta: Der Wanderweg ist sehr hübsch, mit einem wilden Bach und mächtigen Felsen. Dann sind da die Kapellen der Klause: Die Verenakapelle ist in eine Höhle hineingebaut. Die Martinskapelle hat eine Decke mit vielen Bildern, etwa vom heiligen Martin. Manche Besucher kommen auch wegen der Büste mit Reliquien der heiligen Verena, der Patronin der Krankenschwestern und Fischer. Oder um das Heilige Grab zu sehen, das dem Grab Christi nachempfunden ist. Das hat vor knapp 400 Jahren Arsenius Sontag in den Fels geschlagen, der damalige Eremit. Er wollte wohl den Tourismus ankurbeln. Mit Erfolg.

ZEIT: Ihre Vorgängerin hat nach fünf Jahren gekündigt, weil ihr der Trubel zu viel wurde. In der Stellenanzeige wurde daher ausdrücklich eine "kommunikative Person" gesucht. Ist es nicht eher das Wesen eines Eremiten, sich von der Welt zurückzuziehen?

Schwester Benedikta: Oh nein, ein Eremit sollte auch gastfreundlich sein. Schon immer haben Wanderer bei Einsiedeleien angeklopft und um Essen oder Quartier gebeten. Ich habe sogar ein Gästebett! Und wenn es mir zu viel wird, habe ich ja meine Klause. Dreimal am Tag ziehe ich mich dorthin für eine Stunde zurück. Im Schweigen, in der Stille fühle ich mich Gott ganz nah, da finde ich Kraft. Die gebe ich dann gerne anderen Menschen weiter. Dreimal am Tag singe ich etwa Psalmengebete öffentlich in der Martinskapelle.

ZEIT: Da stimmt sicher mancher mit ein.

Schwester Benedikta: Kaum. Die Melodien kommen nicht aus dem Gesangbuch, ich erfinde sie spontan. Nur am Schluss, beim Vaterunser, singen viele mit. Das finde ich sehr feierlich.

ZEIT: Manche Besucher wenden sich außerdem in Glaubensfragen an Sie.

Schwester Benedikta: Viele wollen, dass ich für sie bete. Oft schütten mir Besucherinnen auch ihr Herz aus. Erzählen vom Mann, der sie verlassen hat, oder dass ihre Mutter gestorben ist. Meist berate ich mich rasch mit Gott, was ich sagen soll. Manchmal frage ich ihn bei so einem Gespräch auch, ob ich gerade zu viel schwatze und lieber nur zuhören sollte.

ZEIT: Die Schlucht ist auch bei Esoterikern beliebt. Wie gehen Sie mit denen um?

Schwester Benedikta: Offen. Ich verstehe zwar nichts von den Methoden, mit denen sie diese Kraft messen. Aber wenn ich die Schlucht entlangwandere, unter mir braust der Bach, alles fließt, dann denke ich auch: Dieser Ort hat eine Aura, hier kann man Energie tanken. Außerdem: Für Schrulligkeiten haben Eremiten Verständnis.

ZEIT: Sie haben nicht immer als Einsiedlerin gelebt. Sie waren verheiratet, haben vier Kinder großgezogen, als Erzieherin gearbeitet. Wieso gaben Sie das alles auf?

Schwester Benedikta: Ich war schon als Kind interessiert am Heiland, mir hat seine Fürsorge gefallen. Und ich habe Biografien von Heiligen verschlungen. Vielleicht hätte ich damals schon in ein Kloster gehen sollen. Aber ich lebte in einem eher religionsfernen Umfeld und habe ein bürgerliches Leben gewählt.

ZEIT: Doch Sie entschieden sich um.

Schwester Benedikta: Ich war schon über 30 Jahre alt, da begann es in mir zu kneten. Es war, als ob Gott zu mir sagen wollte: Ich möchte, dass du deine Arbeit niederlegst und ein Leben der Gebete führst. Erst wusste ich nicht: Spricht jetzt Gott zu dir, oder hast du einen Knall? Das waren schwere Jahre.

ZEIT: Inwiefern?

Schwester Benedikta: Ich liebte ja meinen Mann und die Kinder – ohnehin gibt es von der Kirche die Auflage, dass das jüngste Kind volljährig sein muss, ehe man der Berufung folgen darf. Aber Gott rief weiter. Vor vier Jahren legte ich vor anderen Christinnen in einer Zeremonie das Gelübde ab, in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben. Ich tauschte meine Kleider gegen eine Schwesterntracht – eine selbst gewählte, da ich mich keinem Orden anschließen wollte. Und zog in eine abgelegene Wohnung, erst in Bern, später im Bündner Land.

ZEIT: Wie steht Ihre Familie zu Ihrem heutigen Job?

Schwester Benedikta: Die Kinder besuchen mich ab und zu. Mein Exmann und ich sind uns immer noch nah, aber eher wie Geschwister. Er hat mir mein schweres altes Holzbett in die Einsiedelei geschleppt und die Lampen angeschraubt.

ZEIT: Gab’s auch schon ein erstes Feedback vom Chef zu Ihrer Arbeit?

Schwester Benedikta: Ich fühle, dass Gott gutheißt, was ich mache. Er war es, der mich hierhergeführt hat.