Das Oktoberfest in München gilt als die größte Volkssause der Welt. Allein im vergangenen Jahr besuchten 6,4 Millionen Menschen die "Wiesn". Der Hamburger Sommer-Dom, der an diesem Freitag beginnt, kann da nicht mithalten. Nur etwa vier Millionen Besucher konnte das Fest im vergangenen Jahr anlocken. Wie wichtig der Dom für die Wirtschaft und Attraktivität der Stadt ist, begreift man erst richtig, wenn man ihn als Volksfest in drei Akten versteht: Neben dem Sommer-Dom gibt es noch den Frühlings- und den Winter-Dom. Rechnet man die Besucherzahlen zusammen, kommt man für die vergangenen sechs Jahre auf jeweils neun bis elf Millionen Gäste – das ist mehr als auf dem Oktoberfest.

Seine historischen Ursprünge hat der Hamburger Dom im elften Jahrhundert. Damals suchten Händler und Handwerker, aber auch Gaukler und Quacksalber im damaligen Mariendom Schutz vor schlechtem Wetter. Dem zuständigen Erzbischof Burchard von Bremen gefiel das Treiben in den heiligen Hallen nicht, und so verbannte er die Marktleute 1334 aus dem Gotteshaus. Das gefiel den Bürgern wiederum nicht. Der Bann wurde aufgehoben, und ab 1337 war es den Händlern und Gauklern ausdrücklich erlaubt, bei schlechtem Wetter in der Kirche zu kampieren. Das taten sie auch bis zum Abriss des Doms im Jahr 1804. Danach zogen die Marktleute heimat- und ziellos durch die Hamburger Stadtteile.

Seit 1893 dient ihnen das Heiligengeistfeld als Standort. Dreimal im Jahr macht die Familie der Schausteller nun Halt in der Stadt, mehr als 260 von ihnen kommen für jeweils vier Wochen nach Hamburg und erklären das Heiligengeistfeld zu ihrem Zuhause. Mitten in der Großstadt, auf einer Fläche von 160.000 Quadratmetern, entsteht dann ein eigenes Dorf. Nach vier Wochen wird die Gemeinde wieder abgebaut – und in der nächsten Stadt wieder neu errichtet.

Aber wer sind diese Menschen, die zum Teil schon seit Generationen von Ort zu Ort ziehen? Wo kommen sie her? Was treibt sie an, und wie leben sie? "Wenn wir unterwegs sind, sind wir unterwegs", sagt eine von ihnen, die Schmalzkuchenbäckerin Beate Weiß. Was heißt das?

Die Hamburger Fotografen Bjoern Gantert und Maurice Kohl sind diesen Fragen nachgegangen. Für ihr Projekt "Zuckerbrot und Spiele" haben sie seit 2012 regelmäßig den Dom besucht. Trotz der anfänglichen Skepsis haben sie es geschafft, 62 Schausteller im Alter zwischen 15 und 87 Jahren zu porträtieren – allerdings nicht an deren Arbeitsplatz, wo das Licht blinkt, die Musik dröhnt und die Massen vorbeiströmen und vom Wesentlichen ablenken. Was die Fotografen sehen wollten, das waren die Persönlichkeiten hinter der glitzernden Schausteller-Folklore.

Also haben Gantert und Kohl die Schausteller ins Studio gebeten. "Ein grauer Hintergrundstoff, zwei Lampen und nichts sonst außer einer unwirklichen Ruhe", schreiben sie in ihrem Blog. "Das war der Augenblick, in dem die Funktion zurücktritt und die Person sichtbar wird. Ein wahrhaftiger Moment: das Aufblitzen von Stolz, Schmerz, Freude in Gedanken an ihr Leben auf dem Dom." Die Fotos werden im Herbst als Bildband veröffentlicht.

In der ZEIT drucken wir einige dieser Porträts exklusiv ab. Im Gespräch erzählen die Schausteller von sich und ihrem Alltag im Wohnwagen. Chantal Sodemann zum Beispiel, eine 21-Jährige, deren Familie vom Entenangeln lebt. Jeder kennt diesen Stand, an dem man mit einer kleinen Rute versucht, Quietscheentchen in ein Körbchen zu bugsieren. Eine Institution, die viele an Kindertage erinnert.

Chantal lebt während des Doms in einem Jugendzimmer auf Rädern: Fernseher, Duftlampen, ein glitzernder Totenschädel. Wenn der Regen auf die Dachluke prasselt, fühlt es sich an wie Urlaub auf dem Campingplatz. Für Chantal Sodemann ist es das Leben. Eines, das sie gegen nichts eintauschen will, sagt sie. Nicht gegen ein Haus, ein Auto, ein Boot. Oder eine Ausbildung. "Das Gefühl, wenn endlich die Winterpause vorbei ist und ich wieder auf den Dom kann, das ist unbeschreiblich", sagt sie.

Dort trifft sie die anderen: Mama Blume, die Wahrsagerin, die Schmalzgebäck-Spezialistin Beate Weiß oder Hans-Jürgen Schröder mit seinem Hau den Lukas. "Der Dom ist ein Irrenhaus", sagt Schröder stolz, und er hat recht: Zwischen den Buden und Geschäften darf man noch mal verrücktspielen – als sei man nie erwachsen geworden.