Die Zeichen verdichten sich, dass der Absturz der Malaysia-Airlines-Maschine auf dem Flug MH17 am vergangenen Donnerstag durch eine russische Flugabwehrrakete des Typs Buk M1 herbeigeführt wurde. Und weiter scheint erwiesen, dass dieser Abschuss die Folge eines fatalen Irrtums aufseiten der prorussischen Rebellen gewesen ist. Die Meldung der ersten Stunden, der Anschlag sei von regulären ukrainischen Einheiten ausgegangen und habe Putin gegolten, der sich zufällig zur selben Zeit in der Luft befand, konnte die Welt nicht lange narren.

Ob der furchtbare Fehler denjenigen zuzuschreiben ist, die diese Waffe bedienten, oder ob das System selbst die Unterscheidung von militärischen und zivilen Fluggeräten ignorierte, ist für die Opfer und für die politische Bewertung des Unglücks nicht mehr erheblich. Die Verwechslung ist irreparabel, und die Trauer, das Mitgefühl gehen buchstäblich um den Erdball. Die Fotos der halb vermummten Separatisten, die Spielzeug und Bilderbücher der vom Himmel gestürzten kleinen Flugpassagiere in Händen halten, sagen mehr als alle Worte über diesen Schrecken und die Scheußlichkeiten, die noch folgten. Ohne den OSZE-Experten zu misstrauen, die sich nun vor Ort über die Reste und Spuren der Katastrophe beugen, steht zu befürchten, dass die Umstände dieser Katastrophe nicht mehr vollständig aufgeklärt werden können: Auf dem Kriegsgelände, das zeigen andere Fotos der Absturzlandschaft, wachsen Sonnenblumen, aber die Wahrheit wird dort für lange Zeit nicht mehr gedeihen.

Wenn also Experten im Westen, aber auch in Russland diese Lesart des Unglücks als Folge eines Irrtums plausibel machen, wenn wir uns daher mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass hier eine Panne beinahe dreihundert Menschen in den Tod gerissen hat, dann macht das die Sache sowohl menschlich schlimmer als auch politisch gefährlicher. Denn der Krieg glaubt nicht an die alltägliche und vertraute Erklärung von Unglücksfällen, die "menschliches oder technisches Versagen" heißt. Der Krieg kennt nur Absichten und ihre (Fehl-)Deutungen.

Wir benötigen eine großformatige Figur als Schuldigen

Es ist eine schwierige Vorstellung, hinter dem Unglück womöglich nur das Gesicht eines dämlichen Rebellen zu denken, dessen Verstand durch das komplexe Waffensystem überfordert war. Man könnte meinen, es den vielen Opfern und ihren Angehörigen schuldig zu sein, die Verantwortung für das schreckliche Ereignis bei einem mächtigen Politiker oder zynischen General zu suchen statt bei einem blöden überforderten Kriegsmann. Unsere Vorstellung benötigt eine großformatige Figur, um eine Katastrophe dieses Ausmaßes mit der Gestalt eines Urhebers abzugleichen. Zwischen dem Schrecken und dem Verursacher muss eine Art Äquivalenz herrschen. Das ist die Betriebsweise der Paranoia. Aber die Tatsachen geben ihr nicht immer recht. Solche Überforderungen und Fehlleitungen der Vorstellungskraft sind allerdings die kritischen Augenblicke in der Weltgeschichte.

Das in dickleibigen Geschichtsbüchern unserer Tage niedergelegte Gedächtnis des Ersten Weltkriegs bewahrt nur wenig Erinnerungen an die Tatsache, dass die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin am 28. Juni 1914 in Sarajevo die Folge einer unglaublichen Serie von Schlampereien und Pannen gewesen ist. Für die Fahrt des Paares durch die Stadt im offenen Wagen hatte damals der Vertreter der österreichischen Regierung in Bosnien-Herzegowina, Landeschef Oskar Potiorek, alle Sicherheitsmaßnahmen abgelehnt, und zuletzt, nachdem die erste Bombe das erzherzogliche Paar knapp verfehlt hatte, hielt er auch die Fortsetzung der Fahrt durch die Stadt und später sogar eine weitere Tour für risikolos. Doch die große Politik und ihre für wahnhafte Deutungen zuständigen Scharfmacher jener Tage erkannten hinter dem Attentat weder die Züge der allzu bekannten k. u. k. Gemüthaftigkeit, die Karl Kraus als das "österreichische Antlitz" verabscheute, noch diejenigen der wirklichen Täter, sondern allein die der vermeintlichen serbischen und womöglich russischen Urheber.

Ist die Geschichte vor allem eine Herrschaft des Unsinns?

Vermutlich können nur Beobachter mit einem Klarblick wie Friedrich Nietzsche die Weltgeschichte als die "schauerliche Herrschaft des Unsinns und Zufalls" begreifen. Davon aber wissen unsere Geschichtsbücher nur wenig. Man denke an die Wetterumschwünge, die 1815 Napoleons Schlachtplan bei Waterloo oder 1939 das Attentat auf Adolf Hitler im Bürgerbräukeller zum Scheitern brachten. Man denke aber auch an jene blutigen Pannen, die in den Berichten über zivile Opfer bei Interventionen westlicher Streitkräfte als "Kollateralschäden" bagatellisiert wurden. Idioten, Zufälle und Pannen untergraben seit ihrem Beginn den geregelten Lauf der Weltgeschichte, und den Traum Hegels, dass letztlich der Weltgeist die Leidenschaften und Torheiten der kleinen und großen politischen Akteure zum Anlass nehme, sein großes Vernunftwerk durchzusetzen, haben alle bis auf Verblendete vom Schlage Francis Fukuyamas ausgeträumt.

Der Erste Weltkrieg, dem gegenwärtig unser historisches Gedenken gewidmet ist, war auch ein Produkt dieser Dämonisierung und des Unvermögens der Mächtigen im Sommer 1914, hinter der Katastrophe von Sarajevo die Deppen und damit vor allem die eigenen Züge zu sehen. In diesen Tagen der Wut und Trauer erleben wir nun, dass Wladimir Putin mit jeder schlimmen und bedrückenden Nachricht aus der Ostukraine in Zusammenhang gebracht wird. Aber sehen wir im Sommer 2014 auch unsere eigenen Züge hinter den Nachrichten aus der Ukraine? Sehen wir, dass der Westen längst nicht mehr Beobachter ist, sondern Akteur in dem Bürgerkrieg?

Die historische Erfahrung ebenso wie das berühmte Kriegsbuch des Generals von Clausewitz lehren, dass im Krieg und in der Politik teuflische Mächte ebenso ihr Unwesen treiben wie Idioten im Westentaschenformat. Das ändert, um nicht missverstanden zu werden, nichts an der politischen Verantwortung derjenigen, die den Deppen die Waffensysteme zur Verfügung stellen. Wir mussten jedoch lernen, dass in der modernen Welt Verantwortung nur noch symbolisch auf den Schultern einer einzelnen Person liegt. Wenn die historische Forschung inzwischen zu wissen glaubt, dass im Sommer 1914 nicht allein Österreich und Deutschland den Krieg herbeiredeten, sondern dass in ganz Europa Kriegsbereitschaft herrschte, so werden einmal die Historiker des Gedenkjahres 2114 feststellen, dass nicht allein der wahrlich unangenehme Wladimir Putin, sondern vermutlich zahllose weitere Akteure im Osten wie im Westen an der Verschärfung der Krise dieses Sommers beteiligt waren.

Und wir kennen auch sehr verschiedene Formen der Beteiligung. Welche Rolle spielen die Geheimdienste aller Parteien? Angeblich konnte über Daten oder Bilder amerikanischer Aufklärungsdrohnen der Abschuss der Boeing 777 rekonstruiert werden. Was machen solche Drohnen in der Ukraine? Hat sie Präsident Obama persönlich dorthin entsandt? Erst recht gibt es eine Beteiligung der Deuter: Man bezweifelt nicht die Tat der Separatisten, man bezweifelt nicht die Waffenlieferungen Russlands. Man bezweifelt allerdings bei diesem schrecklichen Unglück, dass ein überforderter Rebellenführer an der Schraube der Eskalation drehen wollte. Und wenn wir die Parallele zwischen den europäischen Sommerkrisen von 1914 und 2014 ziehen, dann tun wir dies im Wissen, dass aus der "schauerlichen Herrschaft des Unsinns und Zufalls" in der Geschichte keine Handlungsanweisungen hergeleitet werden können. Kein Akteur gleicht dem anderen, kein Konflikt gleicht dem anderen. Hegel aber, der Torheit und schlechtes Wetter in der Philosophie nicht gelten ließ, erkannte ganz richtig, dass die Geschichte bisweilen ihre Akten schließt und dann für die Uneinsichtigen ihre Lektion wiederholt: Zweimal musste Napoleon besiegt, zweimal mussten die Bourbonen vertrieben werden, um zu begreifen, dass ihre Herrschaft erledigt ist. Und wir wissen, dass die Weltkriege des 20. Jahrhunderts auch deutschen Machtpolitikern eine solche doppelte Lehrstunde erteilten. In diesen Wochen zeigt sich, ob wir erneut dazu neigen, unser Entsetzen über eine blutige Untat, hinter der vielleicht Versagen und Dummheit stecken, wie 1914 einem einzigen Urheber zuzurechnen.