Johannes Baptist Kerner, der Moderator der öffentlich-rechtlichen Schummelshow im ZDF, kann jetzt leider nicht mit uns reden – die Ferien. Programmdirektor Norbert Himmler ist zwar da, aber in Zeitnot, deshalb sagt auch er nichts. Selbst die Sprecher wollen nicht sprechen, und Thomas Bellut, der Intendant, schweigt ebenfalls, seit vor einigen Tagen bekannt geworden ist, dass "Deutschlands Beste", die Kerner der Republik Anfang Juli vorgestellt hat, gar nicht Deutschlands Beste sind: Die Menschen auf der putzigen Liste des ZDF-Programms waren nämlich jeweils gerade so gut, wie die Redakteure sie gern haben wollten; die ZDF-Leute haben das Ranking manipuliert.

Die Schwindler wurden inzwischen degradiert, verwarnt – oder mussten gehen. Für Oliver Fuchs wird ein Nachfolger als Unterhaltungschef gesucht.

Was bleibt, ist die Frage, über die im ZDF keiner reden will: Wie konnte es zu einer derart drastischen Fälschung in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender kommen? Warum haben weder interne Richtlinien noch Moralvorstellungen oder Gremienkontrollen das verhindert? Wer die Ursachen dafür kennt, vielleicht sogar: das System dahinter, kann schließlich Ähnliches künftig verhindern.

In einem Interview mit der ZEIT hat Bellut jüngst einen Satz gesagt, der jetzt wieder wichtig geworden ist. Es ging um die Frage, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk damit umgehen sollte, dass Menschen ihn von Grund auf infrage stellen; der neue Rundfunkbeitrag hatte vielen Zahlern ins Gedächtnis gerufen, dass alle Deutschen für das Programm aufkommen müssen, obwohl sie damit nicht unbedingt zufrieden sind. Sollten ARD und ZDF lieber mehr Anspruchsvolles senden, um sich von den Privaten abzusetzen? Oder eher versuchen, möglichst viele Zuschauer zu erreichen, obwohl der Rundfunkbeitrag sie von diesem Druck eigentlich befreien sollte?

Es sei die Höchststrafe in der Medienbranche, nicht beachtet zu werden, sagte Bellut damals. Anders gesagt: Die Quoten – sie sind ihm verdammt wichtig, gerade jetzt. Der Preis, den das ZDF für eine Steigerung der Zuschauerzahlen zu zahlen bereit ist, scheint Anfang des Monats über das erträgliche Maß angestiegen zu sein.

Wie hoch der Intendant die Macht der Quote im ZDF hängt, finden sogar einige von Belluts Wegbegleitern ziemlich übertrieben. Beispiel Fußballweltmeisterschaft. Während in der ARD im Finale Deutschland Argentinien besiegte, zeigte das ZDF, um überhaupt ein paar Zuschauer abzubekommen, am selben Abend zwei Folgen Traumschiff hintereinander. Ohne Pause und in der Hoffnung, mit diesem Kitsch so viele Frauen wie möglich vor dem Fernseher halten zu können, die des Rasensports überdrüssig waren.

Dass deshalb mit dem heute-journal öffentlich-rechtliches Vorzeigeprogramm erst mit zwei Stunden Verspätung gezeigt werden konnte, nahmen die Programmmacher hin. Dabei dürfte genau das viele Zuschauer verprellt haben, die um kurz vor zehn wie gewohnt ihre Nachrichten sehen wollten. Die Verschieberei – sie war eine reine Quotenentscheidung. Und Bellut hat sie abgenickt.

Was hat nun diese Haltung mit dem Skandal um Deutschlands Beste! zu tun?

Schriftlich gibt das ZDF preis, aus welchem Grund die Redakteure gemauschelt haben: "Die Veränderungen in den Rankings sollten angefragten Gästen der Show einen attraktiveren Rangplatz geben." Deshalb katapultierten die Verantwortlichen etwa Franz Beckenbauer von einem überraschend schwachen 31. Platz (von 100 möglichen) auf Rang neun. Der bayerische Exfußballer Beckenbauer, der zu einer Art Elder Statesman herangereift ist, bei dem man manchmal vergisst, was genau ihn heute eigentlich noch so wichtig macht: kein Kind, das ihn nicht erkennen würde. Und genau darum geht es bei Einladungen zu Shows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ist dem Zuschauer, der durch die Programme zappt, sofort klar, wer da vor ihm auf dem Sofa sitzt? Wenn ja, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er dranbleibt, weiterguckt. Geht es vielen so, steigt die Quote. Am Ende sollte wohl nur im ersten Schritt die Rangliste manipuliert werden, damit im zweiten Schritt die Zuschauerzahlen stimmen.

Wenn das tatsächlich die Absicht war, dann ohne Erfolg. Die Zuschauerquote lag bei etwa 15 Prozent, während Kerner an den beiden Abenden Anfang Juli mit den falschen Gästen plauderte – nicht sehr viel für eine Unterhaltungsshow. Der Preis, dafür ein Stück Glaubwürdigkeit des ZDF zu opfern, war hoch.

Was weiterhin überrascht, ist die Dreistigkeit der Redakteure beim Manipulieren der Liste. Als sie die Sendung vorbereiteten, waren Zeitungen und Nachrichtensendungen (auch im ZDF) seit Wochen voll von Kritik am ADAC, weil der bei der Vergabe seines Autopreises Wahlergebnisse gefälscht hatte. Auch dort ging es um Ranglisten und um Menschen, die für dumm verkauft wurden. Dennoch haben die Redakteure offenbar morgens von der Selbstherrlichkeit des Automobilclubs gelesen und sind tagsüber in die gleiche Selbstherrlichkeit verfallen. Haben Online- und Postkartenumfragen unter den Tisch fallen lassen, mit denen Zuschauern suggeriert worden war, ihre Meinung sei dem Sender wichtig. Bevor wenig später auch noch die repräsentative Forsa-Umfrage gefälscht wurde. Claus Kleber, der Hausmoderator des ZDF, wanderte so elf Plätze hoch auf Nummer 28, vor den RTL-Konkurrenten Peter Kloeppel also – und ärgerte sich maßlos, als er davon erfuhr. Mit Recht: Was macht das mit seiner Glaubwürdigkeit als Journalist und mit jener des heute-journals, wenn er – unwissend zwar – auf der Couch der Schummelshow sitzt und sich dort grundlos feiern lässt?

Diesen Freitag endlich wollen Intendant Bellut und Programmchef Himmler reden, immerhin vor Vertretern der Gesellschaft: Der Ausschuss Programmdirektion des Fernsehrates hat seine Mitglieder eilig zu einer Sondersitzung in Berlin zusammengetrommelt, um die Frage nach dem Warum des Ganzen vor der Sommerpause zu klären. Rupert Polenz, Vorsitzender des Rats, hat einen Brief an die Mitglieder geschrieben, in dem er auch "strukturelle Konsequenzen" fordert; sie sollen "verlässlich ausschließen, dass sich ein solcher Vorfall in der Zukunft wiederholen kann". Im September soll darüber entschieden werden.

Der ADAC hat wegen des Skandals über 300.000 Mitglieder verloren. Aus dem Verband der Beitragszahler kann man nicht austreten.

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