Es ist ja fast schon ein Klischee: die Mutter, offenbar über 40, die in einem der gut situierten Stadtteile der Republik einen Zwillingskinderwagen vor sich herschiebt. "Aha", denkt dann der Betrachter, "späte Mutter mit zwei Retortenbabys!"

Es stimmt tatsächlich, dass bei der Anwendung von Reproduktionstechniken häufig Zwillinge und zuweilen Drillinge zur Welt kommen, weil oft mehrere Embryonen eingepflanzt werden (auch wenn die Fruchtbarkeitsärzte in den letzten Jahren versuchen, die Zahl der Mehrlingsgeburten klein zu halten). Und es sind auch häufig Frauen jenseits des 30. Lebensjahrs, die zu diesem Mittel greifen. Mit zunehmendem Alter geht die Fruchtbarkeit zurück – und der Anteil von Mehrlingsgeburten steigt auch ganz ohne künstliche Befruchtung.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Die Ersteren entstehen, wenn sich eine bereits befruchtete Eizelle in der Gebärmutter spontan teilt – das kommt etwa bei vier von 1.000 Schwangerschaften vor, die Zahl ist konstant über alle Altersgruppen. Bei zweieiigen Zwillingen reifen zwei Eizellen gleichzeitig heran und werden befruchtet. Diese Zwillinge sind genetisch nicht identisch, sondern einander so nahe wie gewöhnliche Geschwister.

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Und die Chance, zweieiige Zwillinge zu gebären, steigt mit dem Alter stark an. Als Grund wird vermutet, dass bei älteren Frauen mehr von dem Hormon FSH vorhanden ist, das für die Reifung der Eizellen zuständig ist. Eine niederländische Studie ergab 2006, dass bei über 35-Jährigen in einem Fünftel der betrachteten Zyklen mehrere Follikel heranreiften, bei den unter 30-Jährigen war das nur in weniger als zehn Prozent der Zyklen der Fall. Und so bekommen 35- bis 40-jährige Frauen mindestens doppelt so oft Mehrlinge wie 20-jährige. Dass wir so viele Zwillingskinderwagen sehen, liegt am steigenden Alter der Mütter und nicht an künstlichen Befruchtungen.

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