Berlin-Charlottenburg, Ende Juli. Zwei Araber diskutieren über Antisemitismus:

Othman: Mein Bruder, Juden, Zionismus und Israel ... Der Konflikt ist politisch, komplizierter als "der Jude". Wie soll ich dir das erklären?

Mohammed: Ich sage nicht, dass alle Juden Mörder sind. Aber wenn ich vom jüdischen Staat höre und dass dieser Staat unsere Kinder ermordet, dann frage ich mich schon, was das bedeuten soll.

Othman: Der jüdische Staat ist ein Resultat von Deutschlands Politik im Zweiten Weltkrieg. Die Franzosen und Briten haben unser Land aufgeteilt. Juden, das sind aber – ich schwöre bei Gott – ursprünglich unsere Freunde. Netanjahu ist heute das Problem.

Mohammed: Schau dir diese Schlagzeile an! (Er zeigt auf die Bild- Zeitung im Zeitungsständer, auf der Titelseite steht Nie wieder Judenhass.) Keiner spricht mehr über den Krieg, die Aggressionen der Israelis sind vergessen. Jetzt sind die Juden wieder das Opfer. Das macht mich wütend, wie die Zionisten die Medien beherrschen.

Othman: Dass irgendwelche Idioten hier in Berlin Synagogen anzünden wollen, das macht mich aber auch wütend. Das schadet uns, aber vor allem den Gazanern.

Die beiden schauen den dritten "Araber" an, der danebensteht. Das bin ich. Obwohl ich doch eigentlich maghrebinische Eltern habe, aber dies sind die Tage, an denen Unterschiede verwischt werden. Ich stelle mich als Journalist vor, Othman und Mohammed reden weiter. Sie sind Handwerker und warten am Kaiserdamm in Charlottenburg auf einen Kundentermin. Bis dahin vertreiben sie sich die Zeit mit Grundsatzdebatten.

Als die arabischen Wörter yahud (Jude) und zahayena (Zionisten) fallen, dreht sich eine ältere Dame um. Sie hat gerade eine Bild- Zeitung gekauft. "Typisch", murmelt sie. "Siehst du", sagt Othman. "Die alte Tante" sei der beste Beleg für seine Ansicht. Alle seien jetzt gegen die Muslime.

So geht das Gespräch, so gehen viele Gespräche. Seit auf deutschen Straßen "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein" skandiert wurde, gibt es eine Diskussion über den Antisemitismus von Bürgern mit Migrationshintergrund; mögen sie auch deutsche Pässe haben, jetzt werden sie wieder "Ausländer" genannt.

Othman und Mohammed entschuldigen sich für ihre Lautstärke. Sie fasten. Eine Zigarette und ein Waffenstillstand würden den Nerven guttun. Aber der Sonnenuntergang an diesem letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan und der Frieden in Nahost liegen heute früh in ferner Zukunft. Ob sie heute Nachmittag zur Demonstration gegen Israel gehen werden? Othman lacht und schüttelt den Kopf. Er habe keine Zeit für solche Veranstaltungen.

Im Jahr 1979 hatte der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zu jährlichen, weltweiten Kundgebungen gegen Israel aufgerufen, jeweils am letzten Tag des Ramadan, der als Al-Kuds-Tag (Al-Kuds ist der arabische Name für Jerusalem) gesetzlicher Feiertag im Iran ist. Zur zentralen deutschen Al-Kuds-Demonstration auf dem Kurfürstendamm kamen nur rund tausend Teilnehmer.

Während gegen den "Kriegstreiber Israel" demonstriert wird, stehen auf einer Gegenkundgebung zum Al-Kuds-Tag Leute, die mit mir als Mohamed nicht klarkommen. "Wie heißt du noch mal? Mohamed? Aha!" – der Mann dreht sich um und murmelt, dass er mit einem Mohamed nicht spricht. Ein anderer: "Dann weißt du, dass alle dort drüben auf der Al-Kuds-Demo gehirngewaschen sind. Muslime und Araber haben keine Möglichkeit, selbst zu denken."

Schließlich singt mir jemand fröhlich ins Gesicht: "Bombt sie, bombt sie alle weg!"

Das hören die Al-Kuds-Demonstranten auch. Unter sie hat sich Ariya gemischt. "So wie Arier", sagt er, "nur mit y und a am Ende", er lacht. Die Eltern des 27-jährigen Studenten aus Bochum stammen aus dem Iran. Er trägt eine Palästina-Fahne um seine Schultern. Ariya ist einer der wenigen Demonstranten, die sich auf ein längeres Gespräch einlassen.

Es sei rassistisch, ihm Antisemitismus vorzuwerfen, weil er Israel kritisiere. Ginge es nach ihm, würde man die Flaggen der Hisbollah, das Konterfei des syrischen Diktators Baschar al-Assad, die Bilder von toten Kindern und all das auf dieser Demonstration lieber weglassen. Und eher nicht Allahu Akbar – "Gott ist groß" – rufen: Das komme in Deutschland schlecht an. Er selber habe schon Schwierigkeiten genug; sein Engagement gegen den "von Israel geführten Krieg" schade seinem Werdegang, wie er sagt. Im Internet werde ihm vorgeworfen, antisemitische Parolen verbreitet zu haben; deshalb habe er vor zwei Jahren aus dem Studierendenparlament der Bochumer Ruhr-Universität austreten müssen. "Ich fühle mich nicht repräsentiert in Deutschland", sagt Ariya.

Der Al-Kuds-Tag spricht dem jüdischen Staat das Existenzrecht ab – ein eigentlich unmöglicher Widerspruch zum staatspolitischen Konsens in Deutschland. In den Augen vieler Einwanderer oder ihrer Nachkommen ist diese Position allerdings kein Antisemitismus. Juden: kein Problem. Der jüdische Staat dagegen schon. So sehen sie es.

Ich habe in diesen Tagen 59 Berliner mit arabischem, persischem, türkischem und balkanischem Migrationshintergrund nach ihrem Verhältnis zu Israel und zum Antisemitismus befragt. Von ihnen beteuerten 35, dass sie Juden weder hassen noch verachten. "Die Juden sind unsere Brüder und Schwestern", lautete oft die Antwort.