Bernard Charles Ecclestone möchte spielen. "Wo ist das Backgammon-Brett?", krächzt er heiser. Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, selbst kein Riese, muss sich tief zu dem Alten hinabbeugen, um dessen Worte zu verstehen. Es ist Freitagnachmittag, in zwei Tagen werden die Rennfahrer durch Monaco um die Wette rasen. Doch noch ist Zeit für ein Spielchen.

Ecclestone kneift das rechte Auge zu, wie er es oft tut, wenn er von der Welt mehr sehen will als nur Umrisse. Mit dem linken blickt er sich in seinem mobilen Motorhome um, dessen Inneres grau und funktionell ist. In diesem gigantischen Wohnwagen ohne Räder verbringt Ecclestone seine Tage während der Rennen. Die Formel-1-Truppe reist um die Welt, das Motorhome ist sein Aufenthaltsraum. Hier empfängt er Gäste, hier macht er Geschäfte, und hier ist auch der Treffpunkt zahlloser attraktiver Frauen.

Im zweiten Stock ist ein Büro, die Stühle darin sind so verrückt, als hätten Männer hastig eine Sitzung verlassen. Vettel, kurze Hose und Turnschuhe, ist einer von Ecclestones Backgammon-Partnern, aber jetzt haben sie doch die Lust verloren und schimpfen lieber noch ein Weilchen darüber, wie verdammt leise die Motoren der Rennwagen geworden sind.

Draußen krallen sich Menschen am Zaun fest und strecken Fotokarten mit Ecclestones Gesicht durch den Maschendraht. Wenn der kleine Mann durch die dunkle Schiebetür zu ihnen in die Hitze träte, könnte das ihre letzte Gelegenheit sein, ein "Bernie" mit Filzstift abzubekommen, bevor der Formel-1-Chef aus jener Welt verbannt wird, die es ohne ihn nicht gäbe. Bevor Ecclestone alles verloren haben könnte, was in seinem Leben Bedeutung hat.

Dem Tycoon des Automobilsports Ecclestone wird in München der Prozess gemacht, wegen Bestechung und Anstiftung zur Untreue. Seit April muss der Brite jede Woche zweimal im Sitzungssaal B173 des Landgerichts München I erscheinen, der Prozess sollte eigentlich bis Oktober dauern.

Erwiesen ist, dass Ecclestone dem früheren Risikovorstand der Bayerischen Landesbank, Gerhard Gribkowsky, vor acht Jahren 44 Millionen Dollar zukommen ließ; Gribkowsky wurde deshalb 2012 wegen Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt. Doch wo ein Bestochener einsitzt, da muss auch ein Bestecher sein. Es sah nicht gut aus für Ecclestone. Wohl deshalb haben seine Verteidiger am Dienstag einen Vergleich angeboten: Ecclestone sei bereit, 25 Millionen Euro zu zahlen, wenn der Prozess gegen ihn eingestellt würde. Die Staatsanwaltschaft will das Angebot prüfen. Willigt sie ein und stimmt auch das Gericht zu, so würde einer der mächtigsten Sportmanager der Welt mit einer Auflage davonkommen. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass er sein Amt als PS-Chef behalten könnte, als sei nichts geschehen – in einer Welt, in der Autokonzerne ihre Chefs zu verantwortungsvoller Führung verpflichten.

Wie Ecclestones Lebensabend aussehen würde, hing bisher davon ab, aus welchem Grund Gribkowsky die Millionen erhielt. Die Staatsanwälte sind der Auffassung, dass er den Banker dazu bewegen wollte, die Formel-1-Anteile der BayernLB an einen Finanzinvestor zu verkaufen, der Ecclestones Macht nicht infrage stellt. Ecclestone soll Gribkowsky bestochen haben, um die eigene Macht zu sichern. Dafür drohte dem Angeklagten eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Ecclestones Verteidiger dagegen argumentieren, Gribkowsky habe ihrem Mandanten gedroht, Steuergeheimnisse zu veröffentlichen, und ihn so erpresst: Ecclestone sei Opfer, nicht Täter.

Es ging also um die Frage: Fürchtete Ecclestone den Banker? Oder spielte er mit ihm, wie er es mit vielen Menschen vor ihm tat? Sein altes Spiel mit Geld oder Schmeicheleien zur Erhaltung der Alleinherrschaft. Deshalb kreist der Prozess darum, welche Art Mensch Bernard Ecclestone ist. Zum dritten Mal verheiratet, zwei erwachsene Töchter, Multimilliardär, das steht in jeder Zeitung. Schwerer ist es, an Ecclestone herankommen: ihm zu begegnen.

Wer es versucht, prallt an eine Wand. Monatelang bleiben die Assistentinnen in London und Paris eisern: Mister Ecclestone spreche mit niemandem, solange der Prozess gegen ihn laufe. Seine Freunde und Feinde in der Formel 1 haben gleichermaßen Angst, sich über ihn zu äußern; ihre Schicksale hängen von diesem Machthaber ab: Über jeden wichtigen Vertrag entscheidet Ecclestone selbst. Er schuf mit der Formel 1 ein System nach seinem Ebenbild.

Wer Ecclestone treffen will, muss also etwa zum Großen Preis nach Monaco fliegen, sich auf dem Vorplatz von Ecclestones Motorhome herumtreiben – und warten. Hineinzugelangen ist schwierig, denn hier hat nur Zutritt, wer märchenhaft reich, sagenhaft mächtig oder fabelhaft schön ist. Was also tun?