Deutsche Behörden bekommen davon oft nichts mit, wie die Antworten auf Anfragen der ZEIT und des BR bei Integrations- und Sozialministerien, Verfassungsschutzämtern, Kommunalverwaltungen und Flüchtlingsunterkünften in mehreren Bundesländern nahelegen. Das hat Gründe. Zum einen wird die Religionszugehörigkeit von Flüchtlingen in der Regel nicht erfasst. Zum Zweiten dürften viele Betroffene vor einer Anzeige zurückschrecken – aus Angst vor Vergeltung oder weil sie befürchten, so ihre Anerkennungschancen zu verringern. Und drittens ist das Personal in den Unterkünften oft nicht in der Lage, den Grund eines Streits zu erkennen. "Es würde helfen, wenn die Heimleitungen mit der Thematik vertraut wären und wenn es mehr Sozialarbeiter gäbe, die Arabisch sprechen", sagt Ani Cakir von der Armenischen Landsmannschaft in München.

Aus Angst vor ihrem Mitbewohner kehrten sie in den Irak zurück

Der Fall von Shabo und Sandy K. ist auch ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn die Betroffenen sich im Stich gelassen fühlen. Nachdem der syrische Islamist ihr Kind verprügelt hatte, wandte sich das Ehepaar an Christian Salek, einen syrischstämmigen Juristen in München. Der versuchte, ehrenamtlich zu helfen, und forderte den Syrer schriftlich zu einem klärenden Gesprächen auf. Das Schreiben blieb ohne Antwort. Stattdessen drohte der Mann Shabo K., er werde sich rächen, falls dieser seine Beschwerde nicht zurückziehe: "Ich werde dich finden, egal wo, und dir keine Ruhe lassen!"

"Ich bin mit dem BaMF in Verbindung getreten, auch mit der Polizei, aber ohne richtige Reaktion", berichtet Christian Salek. "Die haben einfach nicht ernst genommen, was ich erzählt habe. Sie haben gesagt, das ist nur ein Streit zwischen zwei Personen, zwischen zwei Ausländern, das muss man nehmen, wie es ist." Salek sagt, er habe um eine Verlegung der Familie gebeten, aber es habe geheißen, freie Plätze gebe es nicht. Bei der Polizei ging damals allerdings keine formelle Anzeige ein, der Kontakt lässt sich heute nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Das BaMF wusste, dass es Probleme gab, und regte deswegen immerhin eine vorgezogene Anhörung der Familie im Asylverfahren an. Da war es aber schon zu spät: Shabo und Sandy K. waren zu dem Zeitpunkt schon so zermürbt, dass sie im Herbst 2013 aus Angst vor ihrem islamistischen Mitbewohner in den Irak zurückkehrten.

Simon Jacob, der Vorsitzende des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland, glaubt, dass es angesichts solcher Vorfälle Veränderungen geben muss: "Flüchtlinge, besonders wenn diese zu den Opfern extremistischer Gruppierungen gehörten, sollten am besten getrennt nach Religion Zuflucht finden." Auch der CSU-Politiker Singhammer plädiert für eine gemeinsame Unterbringung christlicher Flüchtlinge. Und ergänzt: "Ich glaube, man sollte auch klar sagen: Wir wollen diese Art von Mobbing nicht. Wer hierherkommt und ein Fluchtrecht, ein Asylrecht in Anspruch nimmt, darf so etwas nicht machen."

Vielleicht hätte ein genaueres Hinschauen der Familie K. tatsächlich helfen können. Nach langen Vorgesprächen ist es ZEIT und BR letzte Woche gelungen, mit dem Ehepaar per Skype zu sprechen. Shabo und Sandy K. leben mittlerweile in Erbil im Nordirak – wie Tausende andere Christen flohen sie aus Mossul vor der Terrorgruppe "Islamischer Staat", die allen Christen drohte, sie zu ermorden, falls sie nicht konvertieren.

"Ich bereue es, Deutschland verlassen zu haben", sagt Shabo K., dem es erkennbar nicht gut geht. "Aber meine Frau war schwanger, und sie hat es nicht mehr ertragen." Dass ihre Lage nach der Rückkehr in den Irak noch gefährlicher werden würde, als sie es zuvor gewesen war, konnte Familie K. nicht ahnen. Nun wollen Sandy und Shabo erneut versuchen, nach Europa zu fliehen. "Das Leben meiner Kinder ist das Allerwichtigste", sagt Shabo.

* Namen auf Bitten der Betroffenen geändert