Von dem britischen Denker Isaiah Berlin stammt der Sarkasmus: "Antisemitismus ist, wenn man die Juden mehr hasst als unbedingt nötig." Der AS – jeder "Anti-Ismus" – ist also ein Überschuss an Ressentiment, der rational nicht zu erklären und zu kurieren ist. Umso weniger, als es heute schlimmer ist, jemanden einen Antisemiten zu nennen, als einer zu sein. "Auschwitzkeule" und "Wird man doch mal sagen dürfen" sind probate Abwehrmechanismen. Denn der AS ist nach Adolf Nazi von einem mächtigen Tabu umzäunt.

Der übereilte AS-Vorwurf mag nicht realitätsnäher sein. Doch sei zumindest die Hypothese erlaubt, wonach der Staat Israel zum "Juden" geworden ist. Nein, es ist kein AS, wenn man die Siedlungspolitik oder eine Armee geißelt, wenn sie ganze Wohnhäuser in Gaza zerlegt, um das Waffendepot im Keller zu treffen. Doch scheint auch hier ein "Überschuss" zu wirken, der strukturell an den klassischen AS erinnert.

Dieser sah den Juden als grundsätzlich Schuldigen, der die Brunnen vergiftete, die Rasse schändete, die Weltherrschaft anstrebte ... Die Schuldzuweisung trifft nun Israel, obwohl es doch so viele andere Ziele gäbe. Zum Beispiel Ägypten, das die Grenze zu Gaza heute so scharf abriegelt wie Israel. Zum Beispiel das Assad-Regime, das für 150.000 Tote verantwortlich ist. Zum Beispiel Irak, Afghanistan und Pakistan, wo täglich Hunderte im Terror sterben.

Dies heißt nicht, das eine Unheil gegen das andere aufzurechnen, sondern die Selektivität der Empörung auszuleuchten, die ein Ursymptom jeglichen Anti-Ismus ist. Obszön wird es, wenn in deutschen Gazetten das "Existenzrecht Israels infrage" gestellt und behauptet wird, der "Weltfrieden" wäre erst dann gesichert, wenn das "zionistische Gebilde der Vergangenheit angehört". Sozusagen: Israel ist unser Unglück – als wäre die Selbstzerfleischung der arabischen Welt nicht hausgemacht, als wäre Israel schuld an der Vertreibung der Christen aus dem Irak. Das Existenzrecht wird keinem anderen Staat auf Erden entzogen.

"Muss Israel Gleiches mit Gleichem vergelten und zum ›Mörder‹ werden?", fragt ganz unschuldig ein Netz-Kommentar. Ausgeblendet wird, dass Hamas systematisch die Genfer Konventionen verletzt, indem sie Truppen und Waffen in Wohngebieten versteckt und mit ihren Raketen Zivilisten in Israel mordet. Was wäre gewesen, wenn die Palästinenser die Milliarden aus dem Westen dazu benutzt hätten, aus Gaza ein Singapur statt eine Raketenrampe zu machen? Oder U-Bahn- statt Angriffstunnel zu bauen? Die Israelis sind 2005 abgezogen.

Daran zu erinnern legitimiert nicht Israels massives Häuserbombardement. Aber ebenso wenig kann die moralische Einäugigkeit den Kontext und die Kausalitäten verschleiern, zum Beispiel, dass die Raketen die Blockade zeugten und nicht umgekehrt. Soll Israel das Vernichtungsgelübde der Hamas-Charta unter "arabischer Poesie" ablegen?

Die Wahrheit in diesem (und im nächsten) Krieg: Israel will so viele Tunnel und Waffen so schnell wie möglich zerschlagen; Hamas sieht so viele eigene Opfer wie nur möglich als psycho-politischen Gewinn. Die Machtgebärde der einen Seite trifft auf den Zynismus der anderen. Nur widerspiegelt der "Überschuss" an Ressentiment weder Einsicht in die Tragik des Konflikts noch eine überlegene Moral.