Terrororganisation, Widerstandsbewegung, Sozialfürsorge, Schmuggelimperium, politische Partei, islamistischer Herrscher, Todfeind Israels, Verhandlungspartner Israels ... Die Rollen von Hamas sind vielfältig und oft kaum vereinbar. Nun ist eine weitere hinzugekommen: "die erste palästinensische Armee". So nennt der israelische Journalist und Hamas-Experte Shlomi Eldar die Organisation in Anbetracht ihrer Raketenarsenale, Eliteeinheiten und ihres Systems militärisch genutzter Tunnel, die sie in diesem Gazakrieg einsetzt.

Eines ist Hamas allerdings nicht: eine ideologisch homogene Gruppe mit unangefochtener Kontrolle über 1,8 Millionen Einwohner des Gazastreifens. Im Gegenteil, Hamas war zuletzt an einem politischen und strategischen Tiefpunkt angelangt. Zu ihren Gegnern zählen inzwischen auch arabische Regierungen. Und immer mehr Palästinenser in Gaza.

Hamas wurde 1987 als lokaler politischer Arm der Muslimbruderschaft gegründet, unmittelbar nach Beginn der ersten Intifada. Ihre Charta, ein Jahr später formuliert und mit antisemitischen Verschwörungstheorien gespickt, bestreitet das Existenzrecht Israels und propagiert einen islamischen Staat, der nicht nur Gaza, das Westjordanland und Israel, sondern auch Teile Jordaniens umfassen soll. Da waren bereits die ersten bewaffneten Hamas-Zellen in Aktion.

Dass Israel Hamas aufgebaut habe, um Jassir Arafats PLO zu schwächen, ist ein Mythos. Aber die Israelis ließen die Vorläufer von Hamas in den siebziger und achtziger Jahren lange gewähren, vor allem ihren Gründer Scheich Ahmed Jassin. Die israelische Verwaltung im Westjordanland und in Gaza registrierte sein damaliges islamisches Zentrum als karitative Einrichtung und sah es mit Wohlwollen, dass sich seine Anhänger Scharmützel mit der PLO lieferten. Arafats Milizen galten als Todfeinde und Terroristen, wer ihnen schadete, konnte nicht ganz schlecht sein.

Wenige Jahre nach der Gründung von Hamas wurden die Fronten des Nahostkonflikts neu gezogen: Die PLO war auf einen Verhandlungskurs eingeschwenkt, hatte 1993 das Abkommen von Oslo und damit den Auftakt zu einem Friedensprozess und palästinensischer Selbstverwaltung unterzeichnet. Hamas gerierte sich nun als der "wahre Kämpfer" für die palästinensische Sache, bezichtigte Arafat des Verrats und begann eine Serie von Selbstmordattentaten gegen israelische Zivilisten. Gleichzeitig setzte sie die eigene Aufrüstung fort, unterstützt vor allem vom Iran, von Syrien und der libanesischen Hisbollah-Miliz.

Der Osloer Prozess scheiterte in einem Teufelskreis. Terroranschläge und israelische Raketenangriffe folgten aufeinander, mit dem rapiden Aufbau israelischer Siedlungen ging ein ebenso rapider Ansehensverlust für Arafat und seine PLO in der eigenen Bevölkerung einher. All das war ganz im Sinne von Hamas.

Terrorismus machte die Gruppe weltweit berüchtigt, aber unter Palästinensern zunächst keineswegs populär. Mit Märtyrerkult und karitativen Einrichtungen allein ließ sich kein islamischer Staat aufbauen. Doch nach der zweiten Intifada in den Jahren 2000 bis 2005 wuchs die Wut vieler Palästinenser auf eine korrupte und ineffektive Autonomiebehörde unter Führung der PLO, und damit auch die Popularität der Hamas. 2006 trat sie erstmals zu palästinensischen Wahlen an, und errang einen Erdrutschsieg gegen die inzwischen von Mahmud Abbas geführte Fatah. Es folgte ein kurzer Bruderkrieg, an dessen Ende Fatah die autonomen Gebiete im Westjordanland kontrollierte und Hamas den Gazastreifen.