Wenn nichts mehr geht auf den Autobahnen, vollgestopft mit Ferienwütigen in ihren familiären Kampfpanzern, wenn die Großraumabteile in den ICEs überquellen von quengelnden Kinderscharen, gestressten Eltern und fröhlichen Seniorentrupps, lauthals in Thermoskannengefechte verwickelt, dann hat sie wieder begonnen, die schönste Zeit des Jahres, die man wegen Sonnenbränden, Quallenplagen und überteuerter Touristenmenüs noch lange im Gedächtnis behalten wird. Aber es geht auch anders, mit Kopfhörern im Zug oder am Strand, mit aufgedrehter Stereoanlage im Stau und tollen Geschichten, gelesen von großartigen Sprechern.

Zum Beispiel Stewart O’Nans Roman Die Chance, interpretiert von Christian Brückner: Ein ziemlich gescheitertes Paar, hoch verschuldet und affärenzersetzt, wiederholt seine Hochzeitsreise an die Niagarafälle und zockt mit seinem verbliebenen Bargeld im Kasino das, tja, Glück herbei – Impfstoff für jeden Paarurlaub (siehe unten). Spannend wird es mit Matthias Brandt, der Altmeister John le Carrés Thriller Empfindliche Wahrheit vorliest: Der britische Geheimdienst plant in Gibraltar als Antiterroraktion die Entführung eines islamistischen Waffenkäufers – aber natürlich ist das Ganze ein finsteres internationales Komplott mit moralischen Abgründen (Hörbuch Hamburg, 9 CDs, 677 Min., 24,99 Euro). Klassischer erklingt eine sensationelle Entdeckung dieses Frühjahrs: Arthur Schnitzlers aus dem Nachlass wieder aufgetauchte Novelle Später Ruhm wird von Udo Samel vorgetragen. Ihm gelingt es, diese schöne Wiener Künstlergeschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts in weicher Modulation psychologisch höchst feinnervig darzustellen: Der vergessene ältere Autor Eduard Saxberger wird von einer jungen Schriftstellergruppe wiederentdeckt und erlebt in ihr plötzliche Verehrung – aber für neue Produktivität reicht die eigene Kraft nicht mehr (Hörbuch Hamburg, 3 CDs, 200 Min., 19,99 Euro).

Vielleicht ist es der beste deutsche Roman bislang in diesem Jahr, jedenfalls hat Martin Mosebach mit Das Blutbuchenfest auch Gegner scharenweise für sich eingenommen: Wieder einmal lässt der Autor einen Frankfurter Figurenreigen auftreten, in dem durcheinandergeliebt, gelebt und gestrebt wird, jetzt gesprochen von Jürgen Uter. Aber es ist die Zeit des jugoslawischen Bürgerkriegs zu Beginn der neunziger Jahre, und das Morden in der Ferne bekommt durch die bosnische Putzfrau Ivana eine schillernde Präsenz am Main (Goya LiT, 6 CDs, 410 Min., 24,99 Euro). Echten Gruselspaß hingegen erlebt man mit Arthur Conan Doyles Der Hund der Baskervilles (Hörverlag, 2 CDs, 104 Min., 14,99 Euro): der Comedian Bastian Pastewka mit seiner ersten, großartig retrocharmigen Hörspiel-Regiearbeit um Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Und kein Urlauber wird die Warnung vergessen: "Meiden Sie das Moor, Watson!"