Als ich in die S-Bahn nach Charlottenburg einstieg, schickte mir Igor eine SMS. "Das kann doch nicht sein", schrieb er nur, und ich wusste sofort, was er meinte, denn ich hatte gerade bei Spiegel Online gesehen, dass Frank Schirrmacher, der noch so junge Herausgeber der FAZ, überraschend gestorben war. Ich knöpfte mein Jackett zu, obwohl es im Zug warm und stickig war, aber ich fror weiter. "Ich gehe vor der Lesung noch kurz ins Bikini-Haus zu Murkudis, vielleicht ist schon Sale", schrieb ich zurück. "Ach, es ist schrecklich."

Im Bikini-Haus liefen noch mehr Menschen herum als sonst, aber es gab keinen Schlussverkauf, und ich ging gleich wieder weg. Ich überquerte, ohne nach links oder rechts zu schauen, die Budapester Straße, und als ich auf den Kurfürstendamm kam, wo ein kräftiger, kalter Sommerwind wehte, zog ich meinen Schal raus und band ihn mir um. Ich versuchte, ein Taxi zu kriegen, aber niemand hielt an, und so ging ich die zwanzig Minuten zum Literaturhaus in der Fasanenstraße zu Fuß. Bis ich dort angekommen war, hatte ich mich an alle Begegnungen erinnert, die ich in den letzten zwanzig Jahren mit Frank Schirrmacher hatte.

Die Chodorkowski-Lesung war oben im ersten Stock, in einem viel zu kleinen Saal, und ich kam als einer der Letzten. Igor, der schon saß und einen Platz für mich reserviert hatte, sah mich traurig an. Aber bevor ich etwas Beruhigendes, Tröstendes sagen konnte, betrat Michail Chodorkowski den Raum – langsame Bewegungen, Augen leer und misstrauisch – und lächelte genauso endlos und abwesend, wie er, der früher so mächtige Mann, immer während seiner Prozesse hinter der dicken Glasscheibe des entwürdigenden Häftlingskäfigs gelächelt hatte. Die vielen Filmleute in der ersten Reihe sprangen auf und verdeckten uns kurz mit ihren Kameras die Sicht, und einer von ihnen war Cyril, der vor ein paar Jahren einen schönen, leicht pathetischen und sehr erfolgreichen Film über Chodorkowski gedreht hat. Er war dafür tausendundeinmalmal nach Russland geflogen und fast bis zum Polarkreis gereist, und als Chodorkowski – auch wegen Cyrils Film – kurz vor Weihnachten rausgelassen wurde und seine ersten freien Tage in Berlin im Adlon verbrachte, saßen Cyril und ich eines Mittags ein paar Hundert Meter vom Adlon entfernt im Einstein, und Cyril redete davon, wie traurig er sei, dass sein großer Held nicht mit ihm reden wollte. Hoffentlich klappt es heute, Cyril, dachte ich, und ich vergaß kurz, dass mir kalt war.

Michail Chodorkowski, der inzwischen in einer mit Efeu oder Weinreben oder was auch immer zugewachsenen Villa am Züricher See wohnt, war an diesem Abend wie ein einfacher Mann angezogen, der nichts falsch machen will – viel zu weites, lila-braun gestreiftes Hemd, gestreifte Krawatte und eine von diesen grauen Stoffhosen, die nur Leute tragen, die nie eine Jeans hatten. Er antwortete höflich und mechanisch auf jede Frage, die ihm der Moderator mit den weißen Professorenhaaren und dem ungelenken Slawisten-Russisch stellte. Er lächelte immer weiter und erzählte, dass er anfangs für jede der Geschichten, die er im Lager über seine Mithäftlinge und Wärter schrieb und die jetzt auf Deutsch als Buch erschienen, mit Einzelhaft bestraft wurde. Er sagte, selbst ein wenig erstaunt, dass die abgekapselte, brutale und manchmal so überraschend menschliche Welt des Gulags, in der fast ein Zehntel der russischen Bevölkerung lebte, ihm wie eine böse, zeitlose Karikatur der russischen Gesellschaft vorkam, und dabei kriegte er wieder diesen gespenstisch amüsierten Gesichtsausdruck. Aber da war nicht nur das seltsame Lächeln des Michail Chodorkowski, das mich verwirrte. Sein Kopf zitterte die meiste Zeit ganz leicht und beunruhigend, und er zitterte noch ein bisschen schneller, als der Schauspieler Ulrich Noethen seine Geschichten über Nikolaj, den stolzen Junkie, oder den bösen Aufseher Sergej Sergejewitsch in der ihm fremden deutschen Sprache vorlas.

Er ist gar nicht hier, in Berlin, in der Fasanenstraße, dachte ich plötzlich. Er ist immer noch in Sibirien, im Lager in Krasnokamensk, also dort, wo er, der ehemalige Milliardär und frühkapitalistische Schattenmann, zum Schriftsteller geworden war und wo er, zur Strafe für ein paar Frechheiten, die er Putin gesagt hatte, eigentlich nie mehr rauskommen sollte. "Vor Armut und Gefängnis ist keiner gefeit, sagt man auf Russisch", sagte Michail Chodorkowski genau in diesem Moment, und spätestens jetzt war ich mir sicher, dass der vom Zaren persönlich bestrafte und persönlich wieder begnadigte Ex-Oligarch auch nur ein Russe war wie jeder andere: ein sentimentaler Sklave, der es kurz und erfolglos versucht hatte, ein Herr zu sein. Ich guckte Igor herausfordernd an, der als Kind aus Moskau nach Deutschland gekommen war und bis heute das schreckliche Russland vermisste, ich verzog die Augen und den Mund zu einer freundlichen Siehst-du-Miene, aber er konnte zum Glück meine Gedanken nicht lesen.

Später saßen wir alle in der schlechten Pizzeria gegenüber vom Literaturhaus – die Leute vom Verlag, Chodorkowskis deutsche Literaturagentin, der Moderator mit den weißen Haaren, Cyril und seine Assistentin, Igor und ich. Wir saßen leider draußen, an einem langen, weiß gedeckten Tisch, auf dem Fernseher über der Bar lief das erste WM-Spiel, Brasilien gegen Kroatien, und jetzt kam der Wind direkt aus Russland, denn es war noch kälter als vorhin.

"Und wenn es gar nicht stimmt?", sagte Igor.

"Ja, du hast recht", sagte ich, "das wäre das Beste."