Es ist nicht einfach, sich von einem toten Klassiker zu trennen. Ein Weg, den endgültigen Abschied zu verschieben, liegt in der Veröffentlichung des Unveröffentlichten, unfertiger Manuskripte, gelegentlicher Notizen oder erhaltener Vorlesungsmanuskripte. Die Publikation der Vorlesungen so unterschiedlicher Theoretiker wie Theodor W. Adorno und Michel Foucault hat uns aber gezeigt, dass sich dabei mitunter mehr gewinnen lässt als Trost. Sie sind kein Anhang, sondern integraler Bestandteil ihres Werks geworden.

Ob die Publikation der Vorlesungen Pierre Bourdieus, die er einst am Collège de France zum Thema Staat hielt, unter einem ähnlich guten Stern steht, darf nach Vorliegen dieses Bandes bezweifelt werden. Mitglieder des Pariser Collège de France haben die einzige Pflicht, wöchentlich eine öffentliche Vorlesung zu halten. Der große, 2002 verstorbene französische Soziologe sprach hier in den drei Studienjahren zwischen 1989 und 1992 über den Staat. Er selbst hatte eine Veröffentlichung nicht geplant. "Nichts rechtfertigt die Annahme, dass Bourdieu daraus ein Buch hätte machen wollen; er hat dafür keine editorischen Vorbereitungen getroffen", stellen die Herausgeber fest. So mag der auf Grundlage einer Transkription durchgearbeitete, mit Manuskripten und Quellen abgeglichene, hervorragend dokumentierte Text uns zuverlässig über den Gehalt der Vorlesung informieren. Wir lernen zudem einen temperamentvollen, vermutlich frei sprechenden Lehrer kennen, der bei seinen Zuhörern intellektuelle Reaktionen, nicht notwendig Zustimmung auslösen möchte. Ein gut lesbares Werk entstand dennoch nicht: Ein guter Vortrag macht noch kein gutes Buch.

Was ist eigentlich "der Staat"? Bourdieu ist sich der großen methodischen Probleme jeder Antwort darauf bewusst; sie begleiten die gesamte Vorlesung. Verkürzt wäre es, sich auf die juridische Seite staatlichen Handelns und ihre physische Durchsetzung zu beschränken. Für Bourdieu ist der Staat vor allem eine symbolische Ressource, die allem, dessen sie sich annimmt, Legitimation und Anspruch auf Universalität verleiht. Kalender und Feiertage, Regeln des Wohnungskaufes oder der Rechtschreibung gewinnen ihre Relevanz aus ihrem Bezug auf den Staat und auf dessen Anspruch, nicht nur ein Teil der Gesellschaft zu sein, sondern der Teil, der für alle anderen Teile steht.

Bourdieus Erörterungen sind voll von solchen Beispielen, die zusammen mit einer kritischen Lektüre von Klassikern wie Norbert Elias, Charles Tilly oder Max Weber den größeren Teil des umfangreichen Bandes ausmachen. Eine wirkliche Theorie oder auch nur eine argumentative Linie entsteht hier freilich nicht. Die Vorlesung mäandert über die Jahre hin, im Ganzen wie in ihren einzelnen Abschnitten. Obwohl der Band nicht nur knappe Inhaltsangaben aller Vorlesungsstunden, sondern auch Bourdieus eigene Beschreibung der Studienjahre liefert, findet der Leser keinen systematischen Halt. Zwar tauchen die Kritik an den vermeintlich begriffslosen Historikern, die Suche nach einer eigenen "genetischen" Methode, die Hervorhebung der symbolischen Dimension von Herrschaft immer wieder auf, doch bleiben die eigentlichen begrifflichen Bestimmungen konventionell: Im Staat werde symbolisches Kapital zugleich monopolisiert und durch Arbeitsteilung und Bürokratie organisiert.

Die soziologischen Rätsel eines Gebildes, das beansprucht, für die gesamte Gesellschaft zu stehen, ohne mit ihr identisch sein zu können, das zugleich zu herrschen und zu integrieren versucht, werden hier einmal mehr beschrieben, doch ohne jede neue Perspektive. Die methodische Gretchenfrage, wie viel es für die Soziologie bringen kann, sich auf einen Begriff zu beziehen, der einer juridisch-politischen Logik entstammt, bleibt unbeantwortet. Obwohl Bourdieu durchgehend vergleichende Forschung verwendet, erscheint sein Zugang zudem sehr französisch, vielleicht nimmt er "den Staat" darum etwas zu wichtig.

Denn viele seiner Beobachtungen gelten für Frankreich, mit Abstrichen auch für andere Länder Kontinentaleuropas, in anderen Teilen der Welt aber nicht. Für Angelsachsen ist der Staat, wenn sie eine solche Semantik überhaupt gebrauchen, eben keine universalisierende Institution. Noch introvertierter wirken die Ausführungen, weil sich in ihnen zwar Anspielungen auf die französische Tagesaktualität finden, aber keine Auseinandersetzungen mit jenen dramatischen staatlichen Umbrüchen, die 1989 bis 1991 weltweit passierten – gleichsam parallel zu diesen Vorlesungen. Wie so häufig bei Bourdieu begleitet die Analysen ein politischer Subtext, eine kritische Haltung, die man teilen kann oder nicht, die aber nicht begründet wird. Es ist das gute Recht politischer Soziologie, die Frage, ob der Staat seinen Legitimitätsanspruch zu Recht erhebt oder nicht, offenzulassen. Es ist weniger überzeugend, wenn diese Frage theoretisch offenbleibt, aber praktisch permanent beantwortet wird. So bleibt die Frage, wer ein solches Buch jenseits einer zu allem bereiten Bourdieu-Gemeinde lesen sollte. Für Kenner dürfte der voluminöse Band zu wenig Neues, für den Anfänger zu wenig Orientierung bieten.