Den Dreiklang aus wachsen, Kosten senken und Party machen verkörpert Arison wie kein Zweiter. Braun gebrannt und leger gekleidet, umgibt er sich mit Sportlern und Models. Aufhalten konnten ihn weder Konkurrenten noch Wettbewerbshüter. Als Royal Caribbean und P&O Princess, Carnivals stärkste Verfolger, sich 2001 zusammenschließen wollen, kontert Arison mit einem feindlichen Übernahmeangebot: 8,2 Milliarden Dollar für P&O Princess. Die Wettbewerbshüter sind zunächst skeptisch. Doch der Konzern argumentiert, dass man den Kreuzfahrtmarkt nicht isoliert betrachten dürfe, sondern nur als Teil des weitaus größeren Tourismusmarktes insgesamt. Der Deal wird genehmigt. Damit ist Carnival 2003 in Deutschland angekommen. Zu P&O Princess gehören auch die Aida-Schiffe.

Fast alles scheint Arison zu gelingen – bis zum Januar 2012. Als die Costa Concordia verunglückt, verfolgt er gerade das Spiel seiner Miami Heats gegen die Denver Nuggets. Am nächsten Morgen bricht der Aktienkurs von Carnival ein. Arison twittert: "Heute sind unsere Gedanken und Gebete bei den Passagieren und der Besatzung der Costa Concordia. Ansonsten überlässt er die Katastrophe dem Management vor Ort. "Ich war schon immer ein CEO, der vor allem hinter den Kulissen agiert", sagt er dem Magazin Forbes im Oktober vergangenen Jahres. Zu diesem Zeitpunkt segelt er gerade mit seiner 200-Meter-Yacht die Küste von Monaco entlang.

Welche Mitschuld Carnival am Untergang der Costa Concordia trägt, ist auch heute noch nicht endgültig geklärt. Die Kosten der Katastrophe, rund 1,5 Milliarden Euro, werden zum größten Teil von Versicherungen übernommen. Trotzdem ist das Unglück für den Konzern eine Zäsur. Arisons Erfolgskonzept von wachsen, sparen und Party machen wirkt angesichts von 32 Toten plötzlich unangemessen. Und das Unglück war nicht der einzige Vorfall. Am 13. Februar 2013 bricht ein Feuer im hinteren Maschinenraum der Carnival Triumph aus, einem weiteren Konzern-Kreuzer. Das Feuer kann gelöscht werden, doch Antrieb und Hauptenergieversorgung versagen. Manövrierunfähig treibt das Schiff im Golf von Mexiko, mit 4.200 Menschen an Bord. Fünf Tage müssen sie an Bord der Triumph ausharren. Später berichten sie von verrottetem Essen und Plastiktüten, in die sie ihr "Geschäft" verrichten sollen. Ein Fernsehsender zeigt Bilder von Passagieren, die mit ihren Körpern an Deck das Wort "HELP" formen: Hilfe!

In den USA, von wo aus Arison das Unternehmen steuert, sorgt die Triumph für mehr Aufsehen als die Costa Concordia. Und sie gibt einem prominenten Gegner von Carnival Auftrieb: John D. Rockefeller, Urenkel des legendären Milliardärs und Senator für West Virginia. Vier Wochen nach der Panne schreibt er einen Brief an Arison. Der Unfall habe ihn tief erschüttert, "ich kann aber nicht sagen, dass er mich überrascht hat". Er fügt eine Liste von 90 Zwischenfällen auf Carnival-Schiffen innerhalb von fünf Jahren an. Und er stellt eine Frage, die auf die vierte Komponente des Erfolgssystems Arison zielt: "Glauben Sie, dass die Steuern, die Carnival zahlt, die Kosten der staatlichen Leistungen aufwiegen, auf denen das Unternehmen beruht?"

Schon 2011 ließ die New York Times analysieren, wie viel Unternehmenssteuern die 500 im Aktienindex Standard & Poor’s gelisteten Unternehmen in den vorangegangen fünf Jahren gezahlt hatten. Carnival fiel mit 1,1 Prozent des Gewinns als besonders krasses Beispiel auf. Nun, nachdem allein die Bergung der Triumph die amerikanische Küstenwache rund 780.000 Dollar gekostet hat, erscheint der Widerspruch eklatant: Carnival profitiert von staatlichen Leistungen und macht Milliardengewinne, zahlt aber so gut wie keine Steuern.

Wie das geht? Die ZEIT bat Wirtschaftsprüfer aus Hamburg, den Jahresabschluss des Reederei-Konzerns zu entschlüsseln. Auffällig war unter anderem: Obwohl die Kreuzfahrtschiffe des Konzerns in Deutschland unter dem Namen Aida fahren, ist keines der Aida-Schiffe hierzulande registriert – dafür aber in Italien. Dort hat die Carnival-Tochter Costa Crociere ihren Sitz, zu der Aida gehört. Und in Italien gilt eine sogenannte Tonnagesteuer. Dabei wird nicht der tatsächliche Gewinn besteuert, sondern bloß eine geringe Pauschale erhoben, die sich nach der Größe der Schiffe bemisst. Eine vergleichsweise preiswerte Lösung. Ob eine Tonnagesteuer auch für Kreuzfahrtschiffe gelten sollte, ist zumindest in Deutschland umstritten. Schließlich spielt die Beförderung bei Kreuzfahrten eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht der Hotelbetrieb.

Die Fäden der zahlreichen Carnival-Tochterfirmen und -marken laufen bei zwei Gesellschaften zusammen: Die Carnival plc hat ihren Sitz in England und Wales. Die Carnival Corporation ist in Panama beheimatet, einer beliebten Steueroase.

Der ausgewiesene Jahresgewinn für den Konzern beläuft sich 2013 vor Steuern auf 1,072 Milliarden Dollar, nach Steuern sind es sogar sechs Millionen Dollar mehr. Klingt wie verkehrte Welt, könne aber sein, sagen Fachleute. Etwa, wenn Steuerrückstellungen gebildet und aufgelöst wurden.

Party-König Arison hat offenbar wenig Lust, sich mit Steuerdebatten herumzuschlagen. Auf den Brief von Rockefeller lässt er einen Mitarbeiter antworten: Von den 90 genannten Zwischenfällen seien 83 so ernst nicht gewesen. Außerdem kündigt der Konzern an, die 780.000 Dollar für die Bergung der Triumph freiwillig zu erstatten. Wenig später, im Juli 2013, tritt Arison dann als CEO zurück, nach 34 Jahren an der Spitze von Carnival. Künftig ist er nur noch Chairman, eine Art Aufsichtsratsvorsitzender. Neuer CEO wird Arnold Donald, ein ehemaliger Manager des Saatgut-Konzerns Monsanto.

Seit ein paar Tagen ist der Konzern die Costa Concordia los. Das System Arison aber wirkt nach: wachsen, sparen, Party machen – und Steuern vermeiden. Ob Donald das grundlegend verändern will, ist zweifelhaft. "Wir müssen uns wieder um das kümmern, worum es eigentlich geht", sagte er in einem Interview. "Das ist Urlaub. Das ist Spaß."