Für die Geschäftsleute im Ort ist Haltermann kein Bösewicht, sondern ein Held. Sein Hotel, so hoffen sie, werde neue Touristen bringen, zahlungskräftige. Auf Haltermanns Schreibtisch liegt ein emailliertes Foto. Die eine Seite zeigt die graue, graffitibesprühte Ruine des alten Schwimmbads, das bis vor Kurzem hier stand. Auf der anderen leuchtet das neue Hotel im Abendlicht, daneben ist ein Herzchen gemalt und: "Glückwünsche von den Nachbarn."

Früher kamen Malocher aus Zechen, heute ist Franz Beckenbauer zu Gast

Dass in Scharbeutz eine Veränderung nötig war, bestreiten nicht einmal ihre schärfsten Kritiker. Lange hatte der Ort von Touristen aus Nordrhein-Westfalen gelebt. Malocher aus den Zechen kamen mit ihren Familien, viele blieben den ganzen Sommer. Doch nach der Wiedervereinigung wurden die Ostseeorte in der ehemaligen DDR zur Konkurrenz. Zwischen 1995 und 2005 brach die Zahl der Gäste um 40 Prozent ein.

Wie Scharbeutz geht es vielen deutschen Reisezielen: Sie haben die Zukunft verschlafen, bis jene Generation immer kleiner wurde, die mit einem Kännchen Kaffee, einem Stück Erdbeerboden und Sperrholzmöbeln aus den fünfziger Jahren zufrieden war. Die Folge: Sowohl Ost- als auch Nordsee, aber auch Mosel, Schwarzwald und Harz wurden zu Symbolen der alten Bundesrepublik, galten als irgendwie sympathisch, aber sterbenslangweilig.

In Scharbeutz erkannte Joachim Nitz als Erster, dass es so nicht weitergehen konnte. Nitz, ein schmaler Mann, der ein wenig aussieht wie Dieter Bohlen, läuft die mit Dünengras umsäumte Strandpromenade entlang, deutet auf die neuen reetgedeckten Holzhäuschen links und rechts des Weges, zeigt stolz die Tropenholzstege, die all das verbinden, und sagt: "Wir wollen den Strand in den Ort holen." Es ist sein Lieblingssatz, er ist schon oft damit zitiert worden. Mehr als ein Jahrzehnt war Nitz der Tourismusdirektor von Scharbeutz. Er war damals einer der Ersten, die offen aussprachen, dass die Familienpensionen altbacken wirkten, der eingezäunte Strand hässlich war und Mecklenburg-Vorpommern eine echte Konkurrenz. Er sagt: "Mit den ollen Möbeln von Oma hat man heute eben keinen Erfolg mehr."

Nitz habe gewusst, wo es Fördergelder gegeben habe und wie man die lokale Politik um den Finger wickle, erzählt man im Ort. Ein Förderprogramm für den Hochwasserschutz nutzte er, um die Betonpiste mit Stacheldraht und Gestrüpp am Strand in eine Promenade zu verwandeln. Der neue Deich ist so schick, dass man ihn gar nicht mehr bemerkt. Die Hochwasserschutzwände sind unter einer Düne verschwunden.

"Da sind wir hier schon ein bisschen Vorreiter", sagt Nitz. Das "wir" rutscht ihm noch manchmal raus. Dabei arbeitet er inzwischen für die Konkurrenz, ist Tourismusdirektor von Timmendorf. Der Nachbarort habe ihn abgeworben, sagen die einen, weil er Scharbeutz komplett umgekrempelt habe. Die Scharbeutzer hätten ihn rausgeworfen, sagen die anderen – aus dem gleichen Grund. In jedem Fall gilt Nitz’ Arbeit als Auftakt für ein neues, ganz anderes Scharbeutz.

Eines, das Menschen wie Jens Friedländer anlockt. Er hat zum Treffen ins Wichtig geladen. Auf der Karte steht Champagner für 349 Euro, aber die Erdbeerbowle läuft derzeit besser. Noch. Es war Friedländer, der das Wichtig hat bauen lassen und all die Cafés, Restaurants und Läden drum herum. Dünenmeile nennt sich das Ganze. Fast sechs Millionen Euro hat sie gekostet. Friedländer sagt: "Eine Liebhaberei."