1968

Meine Damen und Herren,

(...) Ich möchte Ihnen vor allem etwas über Demokratie erzählen. "Demokratie ist unteilbar! Demokratie kann nicht außerhalb der Schule gewähren, was sie innerhalb der Schule verweigert. Man kann nur dann Staatsbürger, bewusste Demokraten erziehen, wenn man ihnen die Schule als Modell vorstellt." Diese Worte stammen aus einem Brief der Landesarbeitsgemeinschaft Junge Presse in Rheinland-Pfalz an ihren Kulturminister Dr. Vogel. Der Satz scheint mir etwas schmeichelhaft formuliert. Er wäre so vielleicht richtiger: "Demokratie ist unteilbar! Ein demokratischer Staat kann innerhalb seiner Mauern eine so wichtige Institution wie die Schule nicht als autoritäres Relikt am Leben erhalten."

Er kann es offenbar doch. Und er tut es auch. Mit unglaublicher Hartnäckigkeit und Permanenz. Das muss doch aber sicherlich Folgen haben. Es hat auch Folgen. Denn solch eine Diskrepanz in der Grundstruktur kann sich auf Dauer kein Staat leisten, ohne dass dabei irgendetwas kaputtgeht. Nur dann ist nämlich ein Staat eine Demokratie, wenn seine Bürger in der überwiegenden Mehrzahl echte Staatsbürger und Demokraten sind.

Die Schule ist aber in ihrer Grundtendenz obrigkeitsstaatlichem Denken verhaftet, was für die Leute, die sie besuchen, natürlich Folgen haben muss, da sie sich ja fast bis zum 20. Lebensjahr den größten Teil ihrer Zeit in ihr aufhalten. Denn auch eine politische Prägung vollzieht sich zum großen Teil in der Jugend, genau wie jede andere Prägung der Persönlichkeit auch.

Ich möchte Ihnen ein kleines Beispiel nennen, die Verteilung der Betragensnote 1 und 2. Ganz abgesehen davon, dass Sie als Schüler nie erfahren, warum Sie die oder jene Betragensnote erhalten (...), ist die Verteilung des Prädikats "Sehr gutes Betragen" irgendwie symptomatisch für unser Schulsystem. Sehr gut beträgt sich der, der nicht unangenehm auffällt, der, bildlich gesprochen, schön brav die Händchen auf den Tisch legt, der nichts tut, was den Lehrer irgendwie ärgern könnte, der gehorsam und brav all das tut, was Schulordnung und Lehrer von ihm verlangen, und der im Übrigen fleißig und aufmerksam ist. (...)

Sicherlich wird vieles schwieriger und komplizierter werden, wenn wir die Schule demokratisieren. Kompliziertheit, Langwierigkeit im Fassen von Beschlüssen und oftmals schlechtes Funktionieren sind allgemein bekannte Symptome der Demokratie. Das hat aber die meisten Völker nicht davon abgehalten, sie in irgendeiner Form doch zu praktizieren. Denn Demokratie ist in erster Linie eine Sache der Menschenwürde, das heißt, sie gewährt mir als Mensch und Individuum eine freie Entfaltung meiner Persönlichkeit und tastet mich in meiner personalen Würde nicht an. (...)

Deshalb dürfen wir nicht länger zögern, sie in der Schule endlich einzuführen. Keine Schein-demokratie, in der die Initiative der Schüler darauf beschränkt bleibt, dafür zu sorgen, dass keine Papierschnitzel auf dem Schulhof herumliegen (...). Wenn man dem Schüler echte Mitbestimmung in den wichtigsten Fragen des Schullebens gibt (...), wird er auch echte Mitverantwortung zeigen. (...)

Genug jetzt der Kritik. Manches ist vielleicht etwas zu schwarz-weiß, anderes etwas vereinfacht gesagt. Das geht bei solch einem Vortrag auch gar nicht anders. Ich hoffe, dass Sie manches von meiner Kritik akzeptieren und, wenn erforderlich, auch die Initiative ergreifen, letztlich zum Wohle des Staates und seiner Menschen.

Last, not least möchten wir Ihnen, liebe Lehrer, aber auch recht herzlich danken, für den großen persönlichen Einsatz, den Sie für uns an den Tag gelegt haben, um uns innerhalb der Grenzen, die Ihnen das System gesetzt hat, zum Erfolg zu führen. Ebenso danken wir auch unseren Eltern, denn auch ihr Einsatz trug dazu bei, dass wir es diesmal alle geschafft haben. Ich danke Ihnen!

Winfried Kretschmann war Abiturient an einem Gymnasium in Sigmaringen

2014

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
liebe Lehrerinnen und Lehrer,
liebe Eltern, Verwandte und Freunde,

"Abilymp – Auch Götter müssen einmal gehen" – so lautet unser Abi-Motto. Dies mag zwar auf den ersten Blick etwas arrogant klingen, da wir uns dadurch mit Göttern gleichstellen, aber ich finde, mit diesem Motto als Leitfaden lässt sich unsere Entwicklung über die letzten Jahre gut aufzeigen. (...)

In den Klassen 6 und 8 wählten wir unsere göttlichen Spezialisierungen. Wir widerstanden in den gesamten acht (...) Schuljahren so einigen Sirenen, wie beispielsweise der Verlockung, bei wundervollen 30 Grad ins Schwimmbad zu gehen, anstatt für die anstehende Mathearbeit zu lernen. (...) Wir lernten während dieser Entwicklungsphase so einiges Neues kennen, ebenso auch uns selbst, und reiften dadurch. (...)

Der Start in die Oberstufe war dann für einige wohl vergleichbar mit dem unerwarteten Fall vom weichen Wolkenteppich der Unter- und Mittelstufe (...) in die harte Realität des dunklen Waldes vor den Toren des Götterpalastes, in dem es vor Gefahren (...) nur so wimmelte. Anfangs waren wir alle, würde ich zumindest behaupten, vom vielen Stoff überfordert, von der Anzahl der anstehenden Aufgaben geschockt. (...) Mit dem mündlichen Abitur am vergangenen Montag erreichten schließlich alle (...) den Zenit ihrer Laufbahn innerhalb des Olymps, und das Triumphgefühl dieses Abschlusses war überwältigend.

Jetzt, nur wenige Tage später, sitzen wir hier, und es drängt sich eine naheliegende Frage auf: Was erwartet uns, wenn dieser Abend zu Ende gegangen ist? (...) Der Abstieg vom Olymp steht bevor, womit wir gleichzeitig aus unserer kleinen, isolierten Seifenblase, in der wir so viele Jahre verbracht haben, ins wahre Leben hinaustreten. (...) Unsere große Chance in dieser heutigen Zeit liegt darin, dass wir vernetzter als je zuvor sind und somit ein nahezu barrierefreier Austausch zwischen den verschiedenen Ländern und Kulturen möglich ist, der dazu genutzt werden kann und auch muss, unsere globalen Probleme in Angriff zu nehmen. (...) Auf der anderen Seite kann diese starke Fixierung unserer Generation auf die modernen Medien auch als Hürde gesehen werden, da der übermäßige Konsum beziehungsweise die übermäßige Nutzung zu einer sozialen Isolation führt, in der jeder in seinen eigenen Mauern lebt und verharrt. (...)

Und auch wenn manche schon eine sehr genaue Vorstellung von ihrer Zukunft haben, ihr persönliches Idyll und den Ort ihrer Geborgenheit im Geiste schon vor sich sehen können, so wird auch für jene der Weg dorthin ein unbekannter sein, auf dem sicherlich einige blockierende Holzstämme und Steine überwunden werden müssen. (...) Somit kann man sagen, dass für uns alle die erste Zeit nach dem Abitur eine individuelle Reise zu uns selbst sein wird. (...)

Doch bei all der Konzentration auf sich selbst und dem Versuch, seine Ziele zu erreichen, darf man doch nie vergessen, dass eine gewisse Balance im Leben vorhanden sein muss, um Zufriedenheit und Glück bewahren zu können. Auf der einen Seite sollte man sich immer treu bleiben und sich nicht über die Erwartungen und Ansichten anderer definieren, auf der anderen Seite sind soziale Kontakte essenziell und dürfen daher natürlich nicht vernachlässigt werden. (...) Daher möchte ich (...) ein großes Dankeschön zuallererst an unsere Lehrerinnen und Lehrer aussprechen, die für uns über die Jahre treue Begleiter (...) waren, und ebenso an meine Mitschülerinnen und Mitschüler – ich finde, unser Zusammenhalt hat sich über die letzten zwei Jahre sehr gut entwickelt. (...)

Zu guter Letzt möchte ich allen viel Erfolg für ihren zukünftigen Lebensweg wünschen, und ich hoffe, ihr seid nicht zu traurig über dieses Ende einer langen Ära. Denn wir wissen: Auch Götter müssen den Olymp verlassen, um in die wahre Welt hinauszugehen!

Sophie Jochems machte ihr Abitur am Humboldt-Gymnasium Karlsruhe