Auch der "Janosch Tigertee" hat nicht geholfen. Frauke Petrys Stimme ist kratzig, immerzu räuspert sich die AfD-Sprecherin. Der Europawahlkampf im Mai hat Kraft gekostet, doch ihr bleibt keine Zeit zur Erholung. Ende August wird in Sachsen ein neuer Landtag gewählt, Petry ist Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin. Sie will, dass man die AfD in Sachsen hört. Deshalb sitzt sie jetzt in einer Logopädie-Praxis im Zentrum Leipzigs.

Aus dem Behandlungszimmer kommen durchdringende Laute: "Uuuaaaaaaahhh" und "Uuuooooooohhh". Es klingt, als würde Petry gähnen, aber die Übungen sollen ihre Stimme stärken. Petry gibt alles für ihre Partei. Denn in Sachsen entscheidet sich, welchen Weg die AfD einschlagen wird.

In den kommenden Wochen wird sich herausstellen, ob die AfD ihre eigene Stimme findet und sich im deutschen Parteiengefüge fest verankern wird. In drei ostdeutschen Bundesländern könnte sie bald im Landtag sitzen: Am 31. August wird in Sachsen, zwei Wochen darauf in Thüringen und Brandenburg gewählt. Umfragen sehen die AfD in Brandenburg bei sechs Prozent, in Thüringen liegt sie mal knapp unter, mal über der Fünfprozenthürde. In Sachsen, dem Landesverband von Frauke Petry, ist die Partei so stark wie sonst nirgendwo. In Umfragen erreicht sie sieben Prozent der Stimmen, bei der Europawahl bekam sie sogar mehr als zehn Prozent. Zweistellig will sie auch am 31. August werden.

Bislang war die AfD eher als Heimat westdeutscher D-Mark-Nostalgiker bekannt. Aber kommt sie in Sachsen, Brandenburg oder Thüringen ins Parlament, wird sich die Macht innerhalb der Partei nach Osten verlagern. Es wird Staatsgeld für Abgeordnete und ihre Mitarbeiter geben, Wahlkampfkostenerstattungen und regelmäßige Medienpräsenz. Im Osten wird sich zeigen, mit welchen Inhalten die Partei künftig Politik machen will.

Das Kernthema der AfD, die Euro-Krise, ist längst in den Hintergrund gerückt. Statt Währungspolitik sollen der "Schutz vor Kriminalität und klare Grenzen bei der Einwanderung" den Wahlkampf im Osten dominieren, das hatte AfD-Chef Bernd Lucke schon vor der Europawahl angekündigt. Wen will die Partei damit ansprechen? Und wird sie gar zur Erbin der zerfallenden NPD?

Bis zur Europawahl lenkte der Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke die Partei mit harter Hand. Er war der unumstrittene Chef. Er maßregelte unliebsame Landes- und Bezirksverbände, gab die inhaltliche Linie vor. Immer darauf bedacht, die eigenen Botschaften polemisch, aber gesittet vorzutragen. Bald könnte der Ton rauer werden.

In Sachsen profitiert die AfD vom starken rechtsradikalen Milieu

Zum einen fällt Lucke als Controller seiner Partei weitgehend aus. Er muss jetzt mit sechs AfD-Kollegen im EU-Parlament in Brüssel um Einfluss kämpfen. Jüngst scheiterte er beim Versuch, zum dritten Vizevorsitzenden des mächtigen Wirtschafts- und Währungsausschusses gewählt zu werden. Zum anderen hat sich Luckes Lieblingsthema, die "Euro-Kritik", verbraucht. Im Landtagswahlkampf zählen regionale Themen.

Die sächsischen AfD-Kandidaten können aus einer Reihe von Slogans auswählen, um sie auf den Wahlplakaten neben ihr Konterfei zu drucken. 60 000 Plakate will die AfD allein in Sachsen aufhängen, dreimal so viele wie im Europawahlkampf. Beliebt sind Sprüche wie "Sichere Grenzen statt grenzenloser Kriminalität" oder "Weniger Abgeordnete, mehr Polizisten". Frauke Petry klagt, Autoschieberbanden und Crystal-Meth-Händler machten Sachsens Grenzen unsicher, insbesondere die zu Tschechien. Im sächsischen Wahlprogramm erklärt die Partei: "Die AfD arbeitet auf Einführung von permanenten Personen- und Güterkontrollen an deutschen Außengrenzen hin." Obwohl Generalsekretär Uwe Wurlitzer, einst Mitarbeiter eines sächsischen CDU-Bundestagsabgeordneten, genau weiß, dass solche Forderungen nicht umzusetzen sind. "Uns ist auch klar, dass wir das Schengen-Abkommen nicht ändern können", sagt er.

Das Wahlprogramm der sächsischen AfD, von der Basis diskutiert und Anfang März von einem Landesparteitag beschlossen, offenbart die Ängste der rund 700 Mitglieder. Es fordert zum Beispiel "Volksabstimmungen über Moscheebauten mit Minaretten". In Leipzig wollen zwei Gemeinden die ersten Moscheen im Osten außerhalb Berlins bauen. Der Ausländeranteil in Sachsen lag Ende 2012 bei 2,2 Prozent. Uwe Wurlitzer, selbst Atheist, sagt: "Ich weiß gar nicht, wie viele Muslime hier leben."

Die NPD in Leipzig wirbt mit dem Slogan "Moschee? Nee!". Trotzdem bestreitet die AfD jede Gemeinsamkeit mit den Rechtsextremen. Demoskopen sehen das anders. "In Sachsen profitiert die Partei von dem starken rechtsradikalen Milieu und könnte Stimmen von NPD-Anhängern abwerben", sagt der Chef des Meinungsforschungsinstituts forsa, Manfred Güllner. Die NPD sitzt seit zehn Jahren im Dresdner Landtag, ist aber in aktuellen Umfragen auf drei Prozent abgesackt. Ihr ehemaliger Vorsitzender Holger Apfel führt heute ein Restaurant auf Mallorca.

Die Drei-Kinder-Familie soll gesellschaftliches Leitbild sein

Doch die Anziehungskraft der AfD speist sich nicht nur aus der Abgrenzung zum Islam, sondern auch aus Biografien wie der von Frauke Petry. 1989, kurz vor der Wende, zog Petry, damals noch ein Teenager, mit ihrer Mutter aus Brandenburg ins westfälische Bergkamen. Sie studierte in England und Göttingen Chemie, promovierte und gründete 2007 in Leipzig eine Firma, die im vergangenen Jahr Insolvenz anmeldete. Heute leitet Petry das Nachfolgeunternehmen. Sie ist verheiratet mit einem Pfarrer und hat vier Kinder. Petry schafft es, scheinbar Unvereinbares zusammenzuzwingen: protestantischen Wertekonservatismus und DDR-Nostalgie. "Wir brauchen Politiker, die den Mut haben, das Wort einer ›aktiven Bevölkerungspolitik‹ in den Mund zu nehmen", sagte sie zum Wahlkampfauftakt Ende Juli in Berlin. Sie empfahl ein neues gesellschaftliches Leitbild: die Drei-Kinder-Familie. Auf die "guten Seiten der Familienpolitik in der DDR" dürfe man sich ruhig besinnen. So etwas kommt gut an im Osten.

In der sächsischen AfD haben – neben den üblichen Verschwörungstheoretikern und christlichen Fundamentalisten – auch Mitglieder des nivellierten Mittelstands eine politische Heimat gefunden: Ex-Richter, Polizisten, langjährige CDU-Stadträte, Freiberufler. Sie alle eint die Furcht vor dem sozialen Abstieg und die Wut auf Politiker, die weit weg von ihnen regieren, in Brüssel oder Berlin. Doch während sich diese Wut im Westen vor allem in der Euro-Krise niederschlug, kommt hier in Sachsen etwas spezifisch Ostdeutsches hinzu: der Rückgriff auf die Revolutionsrhetorik von 1989, mit der die AfD vor der Bevormundung und Verblendung durch "die da oben" warnt. Generalsekretär Wurlitzer verglich die AfD in einem Interview kürzlich mit der Bürgerrechtsbewegung in der DDR: "Ähnlich wie vor 25 Jahren ist es diesmal die AfD, die vor allem hier in Leipzig totgeschwiegen wird."

Der Partei gelingt in Ostdeutschland ein erstaunlicher Spagat: Sie erklärt sich zur Erbin der 89er Revolution und gleichzeitig zur Bewahrerin der "guten Seiten" der DDR. So spricht sie nicht nur ehemalige NPD-Wähler an, sondern auch Wähler der Linkspartei, der zweitstärksten Fraktion im Sächsischen Landtag. Als möglicher Koalitionspartner kommt dennoch am ehesten die CDU infrage. Die regiert in Sachsen seit 2009 mit der FDP. Ob die Liberalen es Ende August noch einmal in den Landtag schaffen, ist ungewiss. Rein rechnerisch könnte die AfD die FDP locker ersetzen. Umfragen sehen die Union derzeit bei 42 Prozent, mit der AfD könnte es zur Mehrheit im Parlament reichen. Ministerpräsident Stanislaw Tillich hält sich mit Kritik an der AfD bislang zurück, ein Bündnis schließt er – anders als mit NPD und Linken – nicht aus.

Der sächsischen AfD ist Tillichs Offenheit aber gar nicht so recht. "Wir hoffen, dass der Kelch an uns vorübergeht", sagt Generalsekretär Wurlitzer, "weil wir alle noch lernen müssen." Bekäme die AfD in Sachsen Avancen von der CDU, müsste Landeschefin Frauke Petry klar Position beziehen. Genau das hat sie bislang vermieden. Sie will die Linken nicht verschrecken und auf die Stimmen der Rechten nicht verzichten. Die AfD gibt sich staatstragend – Verantwortung tragen will sie nicht.

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