Europaweit tritt der Antisemitismus so offen zutage wie seit 1945 nicht mehr. Umso verstörender ist die Präsenz linker Gruppierungen bei den Protesten, denn viele ihrer pro-palästinensischen Partner marschieren unter anderen politischen Fahnen. Schon dass auf Demonstrationen in Deutschland der Evergreen von der "internationalen Solidarität" kurzerhand mit "Allahu Akbar" niedergeschrien wurde, zeigt: in der Nahost-Solidarität sind an die Stelle der Marxisten-Leninisten heute Islamisten getreten. Deren Weltanschauung ist eine vollständige Negation des Historischen Materialismus, das macht das Bündnis paradox.

Während jedoch Israel routinemäßig als "faschistisch" dämonisiert wird, findet seitens der Linken weltweit kaum eine ernsthafte Debatte zur politischen Einordnung des Islamismus statt. Dabei täte diese not, denn bei genauerem Hinsehen droht eine hässliche Erkenntnis: Der Islamismus, wie ihn sowohl Hamas in Gaza als auch das iranische Regime als Initiator des Al-Kuds-Tages "zur Befreiung Jerusalems" vertritt, ist eher eine muslimische Spielart des Rechtsextremismus. Er blickt auf eine ähnliche Entwicklung zurück wie der Faschismus: An seiner Wiege stand ein in der Moderne krisenhaft gewordener Konservatismus.

Im Fall des Faschismus verband er sich mit dem Nationalismus, im Fall des Islamismus mit dem religiösen Fundamentalismus, um die notwendige Dynamik zur Wiedereroberung verlorenen Terrains zu gewinnen. Von ihrer metapolitischen Verwandtschaft zeugen schon die identischen Feindbestimmungen: Beide bekämpfen aufgeklärten Rationalismus und Zweifel, die Gleichberechtigung von Frauen und Minderheiten, Homosexualität und Hedonismus. Damit wendet sich die Aggression im Faschismus wie im Islamismus nicht zufällig vor allem gegen Gruppen, die von den emanzipatorischen Aspekten der Moderne sichtbar profitiert haben: Juden aufgrund ihrer Assimilationsleistungen und der selbst nach der Katastrophe noch erreichten staatlichen Selbstbestimmung; Frauen, die sich von traditionellen Rollenzuweisungen entfernt und ihre rechtliche Gleichstellung erkämpft haben; Homosexuelle, die nun den gleichen Weg bestreiten wollen. Gerade heute, wo die Möglichkeit eines anderen Daseins medial weltweit sichtbar ist, werden die traditionell gewachsenen Strukturen verbissen verteidigt. Vielleicht vermag dies auch die drastischen Übergriffe zu erklären, denen aufbegehrende Frauen in traditionellen Gesellschaften ausgesetzt sind? Jedweder Ausbruch aus der autoritären Ordnung gilt als maximale Provokation. Kollektive Identität muss unumstößliches Schicksal bleiben, aus dem kein Entrinnen gestattet wird. An die Stelle der individuellen Emanzipation tritt kultureller Formenzwang. Was in den Gesellschaften politisch und historisch gewachsen ist, findet sich zum Mythos verklärt.

In ihrer autoritären Revolte gegen die Auflösung festgelegter Identitäten finden Islamismus und Faschismus zusammen. Dabei kämpfen sie für ihre archaischen Ziele mit modernsten Mitteln. Ernst Jünger, der den Heroismus und die bindenden Pflichten der Religion bewunderte, bemerkte, dass die "Renaissance des Islam in unserer Zeit" selbst auf die Technik angewiesen bleibe. Im Willen zur gewaltförmigen Überbietung sind Faschismus und Islamismus Teil der Moderne und zerstören selbst Traditionen. Beide wenden sich gegen die Überlieferung, wenn sie zur Liberalität verpflichtet. Der Islamismus trachtet danach, die traditionelle Binnenpluralität des Islams auszumerzen.