Ernst Nolte hat solch einen revolutionären Konservatismus im Fall der "religiösen Lebensordnung" des Islams 2009 in seinem Buch über den Islamismus verteidigt. In verstörender Weise bestätigt er die Fixierung dieses Denkens auf "die Juden" als konkrete Personalisierung einer westlichen Moderne. Zur Veranschaulichung führt er einen Verfechter eines deutsch-islamistisches Bündnisses an, den nationalsozialistischen Publizisten Giselher Wirsing. In dessen Bericht von einer Palästina-Reise der dreißiger Jahre verkörperten die jüdischen Siedler, "junge Männer und Frauen in leichter Bekleidung, plaudernd und lachend, ihr Arbeitsgerät auf den Schultern" für die "arabischen Greise" in den Kaffeehäusern alles, "was befremdend und hassenswert an der Moderne war". Nolte gesteht dem islamistischen Antisemitismus einen "nur allzu begreiflichen ›rationalen Kern‹ " zu, da die "Okzidentose" als größte Bedrohung des Islams "viel mit dem Wirken der Juden innerhalb der angeblich christlichen Kultur zu tun" habe. Später habe Israel als "Einsprengsel von ›Modernität‹ im Riesenraum des Islam" gewirkt, der "räuberische Angriff auf ein Zentralland des Islam". Demonstranten, die seit Jahren zu islamistischen Gemetzeln schweigen, sich aber obsessiv Israel widmen, teilen diesen Befund offensichtlich.

Nolte führte nur aus, was seit Jahren in den strategischen Memoranden der extremen Rechten zu lesen ist: Nicht der Islam gilt als Hauptproblem, sondern die westliche Spielart der Moderne. Erst der Kulturwandel nach der deutschen Niederlage 1945 unter Einfluss der USA habe in Europa das unheroische und materialistische Vakuum geschaffen, in das der Islam jetzt stoßen könne. Die politische konservative Religion steht daher manchem rechten Vaterlandsverteidiger näher als der verhasste moderne "Liberalismus"; in den islamistischen Amokläufen gegen die "westliche Dekadenz" können sich Faschisten durchaus wiedererkennen.

Dieses Muster einer militanten Abwehrbewegung ist nicht neu, die jüngere Ideengeschichte kennt das Phänomen eines mythisch untermauerten Radikalkonservatismus, der über politische Lager hinweg verbindend wirken kann. Sein Programm wurde bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg durch Georges Sorel ausformuliert. Der Franzose entwickelte seine Betrachtungen zur politischen Kraft von Mythos und Gewalt in einer Zeit, als die humanitär-demokratischen Ideale der Dritten Republik in der Krise waren. Die Generation Intellektueller, deren Selbstverständnis im Zuge der Dreyfus-Affäre gewachsen war, fand in ihm einen unerbittlichen Widerpart. Überzeugt davon, dass die Geschichte nicht vom menschlichen Drang nach Freiheit und Gerechtigkeit angetrieben werde, sondern vom Streben nach Ruhm, setzte er gegen die republikanischen Werte der Linken einen revolutionären Antirationalismus. Politik mit Heroismus zu überlagern galt Sorel als das Erfolgsgeheimnis kommender Revolutionen.

Sorel stellte im Laufe seines Lebens vieles dar: Er war Konservativer, Sozialist, Syndikalist und Stichwortgeber der französischen Rechten, immer leidenschaftlicher Revolutionär. Kurt Lenk, hervorragender Kenner dieser düsteren Geisteswelten, machte im "Mäandern" des Autors durch die politischen Strömungen den roten Faden sichtbar: "In immer neuen Anläufen betrachtet Sorel die Phänomene, welche die ›Dekadenz‹ von Gesellschaften anzeigen sollen und sucht nach Wegen, diesen Niedergang zu bekämpfen." Als ihre Symptome galten Sorel dabei Vernunftkult und der Gedanke an die Souveränität des Einzelnen. Sie zeige sich in der Auflösung der "natürlichen Bindungen" und Hinterfragung der "moralischen Grundlagen" der Gemeinschaft mit der Folge, dass sich "bodenloser Zweifel und blasierte Skepsis" ausbreiten".

Unschwer ist in diesem organischen Antiintellektualismus das Grundrauschen aller radikalkonservativen Bewegungen inklusive des Islamismus zu erkennen. Sorels machtvolle Reduktion des Politischen auf den Mythos und die Gewalt sollten alle rationalen Einflüsse von Liberalismus und Marxismus absorbieren. Er wies einen lagerübergreifenden Weg in die direkte Aktion, bestehend aus sozialer Rhetorik, Rassenhass und Heroismus. Im gleichen Geiste setzte Ernst Jünger nach dem Ersten Weltkrieg seine Hoffnung auf "junge Leute, die an Temperaturerhöhung leiden". Sie sollten "den Lebensraum leerfegen für eine neue Hierarchie". Der Typus dieses politischen Kriegers fand sich bei den Faschisten, heute zieht er in den Dschihad. Es ist bestürzend, an seiner Seite linke Unterstützer zu finden. Ihr Schulterschluss gegen Israel ist nichts anderes als die vollständige Selbstaufgabe des materialistischen Denkens Marxscher Prägung, gemeinsam mit Islamisten und Faschisten wandeln sie auf den mythischen Pfaden Sorels. War die Entsolidarisierung der Neuen Linken gegenüber Israel Ende der sechziger Jahre eine Tragödie, so sind die Gaza-Proteste der vergangenen Wochen nur noch eine Farce.