Argentinien hat gerade die achte Staatspleite seiner Geschichte hingelegt – aber die Aufregung in Buenos Aires hält sich in Grenzen. Nicht mal an der Börse brach Panik aus, im Gegenteil: Einigen Investoren erscheinen die Werte im Merval, im wichtigsten argentinischen Börsenindex, jetzt erst recht als heißer Tipp.

Der Merval brach am vergangenen Donnerstag nur für kurze Zeit ein, als aus New York die Nachricht kam: Argentinien und seine Gläubiger hätten zwar mehrere Nächte miteinander verhandelt, aber das Land werde seine Schulden vorerst nicht weiter bedienen. Staatspleite also, mit anderen Worten. Anlass für eine Ächtung an den internationalen Finanzmärkten, Vorbote für ein Versiegen der Kreditströme. Doch der Merval, der letztlich die gesammelten Gewinnerwartungen großer Unternehmen in Argentinien abbildet, erholte sich schnell von dem Schreck und setzte seinen atemberaubenden Erfolgskurs fort. Seit Jahresbeginn hat er um mehr als 55 Prozent zugelegt, und über die vergangenen zwölf Monate ist er sagenhafte 145 Prozent im Plus.

Das heißt übersetzt: In der argentinischen Finanz- und Unternehmenswelt findet man die jüngste Staatspleite offenbar nicht so schlimm – und die New Yorker Hochfinanz fragt sich jetzt, was eigentlich aus ihrer "disziplinierenden Wirkung" geworden ist, von der so viele Finanzexperten reden. Argentiniens junger Wirtschaftsminister Axel Kicillof war während der Verhandlungen in New York eher entspannt mit offenem Hemdkragen und großen Gesten zu sehen, und jetzt wird er von manchen Leuten in seiner Heimat wie ein Volksheld begrüßt. In Wall-Street-Newslettern hingegen waren am Wochenende wutschäumende Bemerkungen über diesen "gefährlichsten Politiker Lateinamerikas" zu lesen, über den "marxistischen Wirtschaftsprofessor Kicillof".

Hat sich das Spiel am internationalen Finanzmarkt so grundlegend geändert? Kann man als Staat jetzt pleitegehen – und dann in etwa so weitermachen, als sei nichts geschehen?

Argentinien im Sommer 2014 kann es. Denn das Land ist ein Sonderfall, seine Staatspleite auch, und die große Unbekümmertheit ist teilweise einer Art Galgenhumor geschuldet. Für Argentiniens Wirtschaft kann es kaum noch schlimmer kommen: Die Vereinten Nationen gehen für 2014 von Nullwachstum aus, schon die offizielle Inflationsrate liegt über 20 Prozent. Ganze Branchen haben sich über die Jahre von Weltmarktführern in Schlusslichter verwandelt (siehe der Report über die Steak-Industrie auf der nächsten Seite).

Am ausländischen Kapitalmarkt ist Argentinien schon lange unten durch, seit es 2001 seine spektakuläre siebte Staatspleite hinlegte, danach jahrelang pompös-herablassend mit seinen Gläubigern umsprang und einen scharf linken, wenig erfolgreichen wirtschaftspolitischen Kurs fuhr. Internationales Kapital floss nur noch in das Land, wenn es musste. Deshalb glauben viele Ökonomen und Marktbeobachter: Ist der Ruf erst ruiniert, schockiert eine Staatspleite keinen mehr. Zusätzliche Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung Argentiniens werde diese Pleite kaum noch haben.

Das wiederum gibt einer Debatte neuen Schub, die seit einigen Monaten schon in Finanzmarkt-Denkfabriken geführt wird: Sollten Staatsbankrotte weiterhin das große Tabu bleiben? Oder sollten Institutionen wie der IWF es den einzelnen Staaten sogar erleichtern, pleitezugehen – und eher darauf achten, dass der Bankrott nach festen Regeln und geordnet abläuft? Das IWF-Direktorium diskutierte erst kürzlich erneut zu diesem Thema (ZEIT Nr. 28/14); vor einem Jahrzehnt hatte die Washingtoner Institution schon einmal eine Vereinbarung über die Umschuldung im Fall von Staatspleiten vorgeschlagen. Heute wie damals schlägt dem IWF viel Widerstand entgegen.

Das Kontra-Argument gegen besser geregelte Staatspleiten lautet: Dann haben Politiker keinen Anreiz mehr, eine Staatspleite um jeden Preis zu verhindern. Dann werden die Kreditgeber eher mit einem Kreditausfall rechnen als früher, also werden sie weniger oder teurere Kredite vergeben. Dem Wachstum in Schwellenländern wäre damit kaum gedient.