Solche Momente haben Bernard Charles Ecclestone in seinem Leben am meisten Freude verschafft: eine Gruppe von Männern, versammelt um einen Verhandlungstisch. Jeder versucht, den anderen zu übertrumpfen. Und am Ende: ein Handschlag, ein Deal, zufriedenes Schulterklopfen – nur diesmal eben im Gerichtssaal.

Auf 100 Millionen Dollar haben sich Ecclestone, seine Ankläger und der zuständige Richter am Dienstag dieser Woche in München geeinigt. 100 Millionen Dollar zahlt Ecclestone für ein Leben in Freiheit; frei von allen Vorwürfen der Bestechung oder der Anstiftung zur Untreue. So viel hat in Deutschland noch kein Angeklagter vor ihm auf den Tisch gelegt. Und doch zerfällt die Summe in mickrige Krümel, wenn man sich vor Augen hält, von wem sie kommt. Der Chef der Formel 1 ist Multimilliardär, auch wenn seine Vermögensverhältnisse in Familienstiftungen verschleiert sind. Ecclestones Alltagsausgaben klingen so: 33 Millionen Dollar für die Hochzeiten der beiden Töchter, 140 Millionen für die neuesten Villen der Hübschen, die aber natürlich nur Zweit- oder Drittwohnsitz sind.

Der Respekt vor diesem harten Kerl wird in der Szene weiter wachsen

Ecclestone mag das Fehlen der Millionen kaum bemerken. Für die Bundesrepublik aber ist dieses Prozessende schmerzhaft. Denn vor Gericht wurde nicht nur um Geld geschachert und damit die Gerechtigkeit zur Ware gemacht. Man hat vor allem die einmalige Chance verpasst, den mächtigen Chef einer globalen Sportorganisation aus seiner Parallelwelt hinauszugeleiten und in das Regelsystem hineinzuführen, dem der Rest der Welt gehorcht.

Denn tatsächlich ist es doch so: Der Sport berührt die Welt, aber zu einem Gewissen haben es die mächtigsten unter den Sportfunktionären nie gebracht. Bernie Ecclestone genauso wenig wie Sepp Blatter (der Chef des Weltfußballverbands Fifa) oder viele Verantwortliche im Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Sie entziehen sich ihrer Verantwortung. Keine Konkurrenz von außen bedroht sie. Die Sportmanager sind Diktatoren riesenhafter Monopole, deren Struktur sie selbst ersonnen haben – gemäß der Frage, was ihnen am meisten nützt. Wie sie ihre Milliardenumsätze verteilen, wem sie Verantwortung übertragen, wo sie ihre Veranstaltungen abhalten: alles intransparent. Die Holdinggesellschaft der Formel 1 ist dutzendfach verschachtelt. Niemand außer Ecclestone durchdringt sie wirklich. Oder ist fähig, sie anzugreifen.

Das Innere dieser Organisationen ist meist ein System der Abhängigkeiten von Männern, die seit vielen Jahrzehnten aufs Engste zusammenarbeiten und es nicht wagen, ihre Bosse anzugehen, schon gar nicht den Oberboss. In dieser Parallelwelt ist es nichts Ungewöhnliches, den eigenen Willen mithilfe von Gefälligkeiten durchzusetzen und dabei vor allem an eins zu denken: sich selbst. Viel dringt nicht nach außen. Es sind Kartelle des Schweigens.

All das könnte man ja noch als irrelevante Spielchen abtun, wenn der Sport nicht längst hochpolitisch wäre. Das Schwellenland Brasilien hat zehn Milliarden Euro für Fußballstadien ausgegeben – statt für Schulen. Ecclestone brachte die Formel 1 in die Vereinigten Arabischen Emirate, und während die westliche Welt gerade Russland sanktioniert, wird die Formel 1 im Herbst erstmals dort fahren – auf der neuen Rennstrecke in Sotschi. Die Fifa plant die nächste Fußball-WM in Russland, bevor sie in den Willkürstaat Katar weiterzieht. Die Manager des Sports haben kein Problem damit, fragwürdige Regime zu unterstützen, von Alleinherrscher zu Alleinherrscher sozusagen. Solange ausreichend Geld fließt.

Ein Gerichtssaal mag auf den ersten Blick nicht der Ort sein, um all das zu klären. Er ist aber der Ort, um über Recht oder Unrecht zu entscheiden. Und nach Ecclestones Freikauf bleibt der Eindruck zurück, dass ein reicher Machtmensch wie er doch immer irgendwie davonkommt. Mehr noch, er wird, so wie es aussieht, der Chef der Formel 1 bleiben; und der Respekt der Männer dort vor dem harten Kerl, dem niemand etwas anhaben kann, dürfte durch das Urteil weiter wachsen.

Natürlich verdient jeder Angeklagte ein faires Verfahren. Und wer den Prozess gegen Bernie Ecclestone in München beobachtet hat, weiß auch, dass die geladenen Zeugen es der Staatsanwaltschaft nicht leicht gemacht haben, ihre Vorwürfe zu erhärten. Ihr Kronzeuge Gerhard Gribkowsky mag zwar ein gieriger und überehrgeiziger Mann sein, aber als ehemaliger Risikovorstand einer bayerischen Bank ist er sicher kein Dummer. Wie ist es möglich, dass er sich vor Gericht systematisch in Widersprüche verhedderte und unter plötzlichem Gedächtnisverlust litt? Ob er sich vor allem an den einen Satz erinnerte, den Ecclestone ihm einmal zuflüsterte: "Ich werde mich um dich kümmern"?

Es wäre Aufgabe der Münchner Staatsanwaltschaft gewesen, tiefer zu bohren, das Schweigekartell des Rennsports aufzubrechen, um die Wahrheit zu finden, die Gerechtigkeit gebracht hätte. Um ein Zeichen zu setzen, dass das Leben in einer Parallelwelt, die oft Recht und Gesetz ignoriert, heute nicht mehr erwünscht ist.

Der Banker Gerhard Gribkowsky ist wegen Bestechlichkeit zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ecclestone hat ihm erwiesenermaßen 44 Millionen zukommen lassen. Wie kann es sein, dass derselbe Vorsitzende Richter einen Mann findet, der bestochen wurde, aber keinen, der bestach?

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