Aber da ist auch die dunkle Seite. Erstaunlicherweise reden die Hamburger darüber kaum. Da stehe ich vor sieben Jahren auf dem Balkon meiner neuen Wohnung, neben mir die Besitzerin, eine echte Hamburgerin: mit 90 fit wie eine 60-Jährige. Eine kratzige Raucherstimme. Braun gebrannt vom Meer. Sie liebt London. Mehr noch: Ihr Sohn lebt dort.

Es fällt kein Wort über das, was ihre Generation erlebt hat: 1943 starben bei der Operation Gomorrha in zehn Tagen 34.000 Hamburger im britischen Bombenhagel. Auch in Großbritannien starben Zehntausende während The Blitz, der fast achtmonatigen Bombardierung durch die deutsche Luftwaffe. Doch während The Blitz in England wie eine alte Platte beim Stichwort deutsch-britische Beziehungen hervorgeholt wird, höre ich hier nie etwas vom Hamburger Feuersturm.

Im Gegenteil: Meine Vermieterin und ich etwa sind von Anfang an ein Herz und eine Seele. Wir fühlen uns als Hamburg-Briten.

"Hamburg konnte seine Verehrung für den ›British Way of Life‹ – dieses unerschütterliche kulturelle Selbstvertrauen – nie gut verbergen", sagt Philip Oltermann, ein Freund, den ich zu dieser tiefen Zuneigung befrage. Oltermann ist gebürtiger Hamburger und Wahl-Londoner, gerade arbeitet er als Guardian-Korrespondent in Berlin. Die Verehrung, sagt er, ziehe sich von der Franzosenzeit durch die britische Besatzung bis zu den Beatles und Kevin Keegan. "Für diese Anglophilie, wozu manchmal auch ein gewisser versteifter Manierismus gehört, ist Berlin viel zu bequem."

Aus meiner Sicht: Für mich entsprechen Teile Hamburgs dem, was ich an England vermisse. Im Jenischpark mit seinen hohen, alten Bäumen, seinem weitläufigen Rasen fühle ich mich wie über den Kanal gebeamt. Und ja, sicherlich gibt es eine historische Verbindung zwischen Hamburg und England, durch Wirtschaft und Nachkriegszeit zementiert, die über Generationen vererbt wird wie eine DNA der Menschen hier – auch wenn der Wissenschaftler sagen wird, das sei nur blödes Gefühl.

Vielleicht ist das Verhältnis Hamburg–Großbritannien nicht nur wie bei Verwandten, sondern wie unter Geschwistern: Sie mögen sich, sie respektieren sich, und manchmal kopieren sie sich auch, sind aber dennoch grundverschieden.

Sind die Hamburger also besonders britisch? Ich finde nicht. Dafür wirken sie auf mich zu verschlossen und gleichzeitig zu direkt. Sagen Wildfremden wie mir: "Haben Sie abgenommen?", wenn der Badeanzug nur ausgeleiert ist. Oder bellen einem – wie neulich eine Busfahrerin – ein "Ham Se’s nicht kleiner!" entgegen, wenn man mit einem Schein zahlen will, anstatt "Guten Morgen" zu sagen. Als hätte sie ihre Freundlichkeit unterwegs verloren.

Paradoxerweise bin ich deshalb hier. Weil die Menschen eben nicht britisch sind. Weil sie Hamburger sind. Authentisch, geradeaus. Weil man weiß, woran man ist. Die selbst ernannte Berliner Spezialistin für moderne Umgangsformen, Nandine Meyden, hat es mir einmal so erklärt: "Liebe Frau Brown, das ist falsch verstandene Nähe." Sie wollen nicht beißen, sie wollen nur Freunde sein.