Zeitgenossen, schaut auf diese Stadt! In Potsdam tobt der nationale Kirchenkampf. Die Garnisonkirche soll auferstehen, für Preußenfans ein Prachtstück des norddeutschen Barock. Finger weg!, rufen die Widersacher. Erstehen soll der Kriegstempel der Hohenzollern. Preußens militaristischer Geist würde unweigerlich auch in die neue Hülle fahren.

Wer hat recht? Fragen wir den berühmtesten Potsdamer. Der Pensionär Manfred Stolpe erinnert sich des jungen Kirchenjuristen, der 1959 nach Potsdam kam und die Lange Brücke überquerte. Vor ihm lag die Schlossruine, links dahinter wuchtete der Torso eines Turms. Das, erfuhr Stolpe, sei der Rest der Garnisonkirche, die am 14. April 1945 im Feuersturm der Royal Air Force verbrannt war. Aber der Turmstumpf stand. Die Heilig-Kreuz-Gemeinde baute ihn zur Kapelle aus.

Dann kam Walter Ulbricht. Am 22. Juni 1967 sprach der SED-Chef sein Epochenwort: Das Ding muss weg! Ins einstige Zentrum der Preußenkönige gehöre sozialistische Architektur. Am 23. Juni 1968, einem Sonntag, wurde gesprengt, zur Gottesdienstzeit. Erst fiel nur der halbe Turm, im zweiten Versuch der Rest. Das dokumentiert ein Spreng-Lehrfilm der DDR, unterlegt mit flottem Big-Band-Sound. Hell und licht – unserer Städte Gesicht!

Die Sprengung des Gotteshauses einer lebendigen Gemeinde war wirklich ein Verbrechen, sagt Manfred Stolpe. Meine Motivation für den Wiederaufbau hängt mit dieser tiefen Demütigung zusammen.

Aber muss man die Kirche des "Soldatenkönigs" kopieren?

Keine Militärkirche, sagt Stolpe. Keine totale Rekonstruktion, sondern erst mal den Turm. Beim Gesamtbau muss das Thema Frieden und Versöhnung erkennbar sein.

Wie denken die Potsdamer? Nur 14 Prozent gehören der evangelischen Kirche an.

Ein Viertel pro, ein Viertel contra, schätzt Stolpe. Die Hälfte ist indifferent. Dieser Anteil wächst und tendiert zur Gegnerschaft.

Warum?

Zugereiste geben den Ton an, sagt Stolpe. Die Mehrheit der Potsdamer hat das Gefühl, sie werde verdrängt. Die Innenstadt ist für sie unbezahlbar geworden und wird umgestaltet, in deutlicher Abkehr von dem, was die Hiesigen erlebt haben.

Wir begeben uns zum Streitort, vom Bahnhof kommend, wie 1959 Manfred Stolpe. Das barocke Stadtschloss ist jüngst als Fassadenkopie zurück- gekehrt und birgt den Landtag. Vis-à-vis ragt das Hotel-Hochhaus, eine Dominante Ulbrichtscher Urban-Ästhetik. Aufkleber mahnen: "Die Stadt ist kein Museum!" Die Breite Straße: Neubauten, Dauerverkehr. Am Platz der Garnisonkirche steht ein fünfstöckiges Rechenzentrum mit umlaufendem Mosaik-Fries: Der Mensch bezwingt den Kosmos. Daneben die provisorische "Versöhnungskapelle" von 2011. Der hölzerne Flachbau enthält Garnisonkirch-Relikte und eine Ausstellung zur Geschichte.

Die Garnisonkirche war, nach Martin Sabrows Formulierung, das preußische Walhalla. 1732 vom "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. befohlen, diente Philipp Gerlachs mächtiger Bau von Anbeginn der staatschristlichen Zurüstung des Militärs. 2800 Soldaten andächtigten auf Bänken ohne Rückenlehne. Der Turm ragte 88 Meter auf. Sein Glockenspiel läutete zur vollen Stunde Nun danket alle Gott, zur halben Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab. Der "Soldatenkönig" baute Preußens Armee. Sein Sprössling Friedrich II. ließ sie von der Kette, verheerte Europa und produzierte Leichenberge, weshalb er auch "der Große" heißt. Die Garnisonkirche wurde zum Trophäenschrein, ihre Krypta zur Grablege für Vater und Sohn und am 4. November 1803 zur weltgeschichtlichen Bühne. Nacht war’s, als "bey der Asche dieses Unsterblichen" Preußens friedsinniger König Friedrich Wilhelm III., Gattin Luise und Russlands Zar Alexander einander Beistand gegen das Korsenmonster Napoleon gelobten. Preußen fiel, Alexander lief über. Der unsterbliche Altfritz bekam am 25. Oktober 1806 abermals Besuch, nun von Napoleon, welcher sic transit gloria mundi sprach und, auf Französisch: Wenn du noch lebtest, stünde ich nicht hier.

Das berühmteste Garnisonkirch-Datum heißt Tag von Potsdam. Am 21. März 1933 wurde daselbst der neue Reichstag eröffnet, weil das Berliner Reichstagsgebäude drei Wochen zuvor ausgebrannt war. Potsdam feierte mit Glockengeläut, paradierender SA, Heil!-Gebrüll und Heerscharen jauchzenden Volks. Reichskanzler Adolf Hitler, zivil befrackt, schüttelte die Hand des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Der Tag von Potsdam verschmolz das bürgerlich-konservative Deutschland mit Hitlers "nationaler Erhebung" und entmächtigte die Demokratie. Hindenburg starb 1934, der Kanzler wurde endgültig zum "Führer". In der Garnisonkirche, "diesem für jeden Deutschen geheiligten Raum", hatte er von der "Vorsehung" georgelt. Und die Gemeinde sang: Nun lob, mein Seel, den Herren. Warum soll diese gotteslästerliche Bude auferstehen?

Die Wiederaufbau-Geschichte begann 1983, in Iserlohn. Dort gründete der Fallschirmjägerkommandant Max Klaar die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel. Der rechtskonservative Sohn einer Spandauer Kriegerwitwe träumte vom gotteszüchtigen Preußen und von dessen Zentralheiligtum zu Potsdam. Er sammelte Millionen. Vorerst finanzierte er das Glockenspiel. Es klöppelte zu Mauerzeiten in Iserlohn und wurde 1993 nach Potsdam verbracht. Die Stadtoberen stellten es in der Plantage auf und entfernten Inschriften wie "Schlesien", "Ostpreußen", "Königsberg". Spendensammler Klaar forderte schenkungsvertragliche Garantien, dass im wiedererrichteten Preußentempel bibelfremde Gräuel unterblieben, beispielsweise die Beratung von Kriegsdienstgegnern, die Segnung homosexueller Paare und feministische Theologie à la "Jesa Christa". Gottlob begriff die Kirche, dass sie den künftigen Bau in eigene Obhut nehmen musste. Klaars Ansinnen wurde zurückgewiesen. Er reagierte wie ein Fallschirmjäger und sprang ab.