Auf die Essenz des Geschehens, darauf komme es an, so soll es der Fotograf Elliott Erwitt über seine Arbeit gesagt haben. Und auch wir, die wir uns zu den Hiergebliebenen der Feriensaison zählen müssen, zu jenen, die noch auf Urlaubstage warten oder – noch schlimmer – sie bereits hinter sich haben, sind vollends damit beschäftigt, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zwischen glühendem Stadtbeton, schwülen Tagen und Nächten treibt uns allein die Frage "Fenster auf oder zu?". Füße werden in Eiswürfelwasserbottiche eingelassen und – hier kann man es ja sagen – sich wann und wo immer es nur geht, die Kleider vom Leib gerissen. "Deutschland führt im FKK-Ranking!", so meldete jüngst das Internet, nach dem Fußball ein weiterer Weltrangtitel, nur die Österreicher zögen sich so oft in der Öffentlichkeit aus wie die Deutschen.

Das Traumstück Nudists. Kent, England (aufgenommen – wann auch sonst – 1968) muss man also als historische Rarität begreifen. Schließlich wird hier eben nicht auf Juist oder in Melk an der Donau, sondern mitten in Großbritannien, ja, wie soll man eigentlich sagen? Textilfrei gechillt? In Würde geschwitzt? Befreit gepicknickt? Oder auch einfach: nackt herumgesessen?

Jedenfalls ist es kein stickiges Wohnzimmer, sondern die große Natur, die hier als Ort langer Sommerstunden dient. Ein Spaten in der Erde als Ertüchtigungsangebot für kühlere Stunden – bis dahin reichen ein Handtuch, das Stricken und dann und wann ein Schluck aus der Thermoskanne. Maximal beiläufig wirkt die Blöße dieses Paares auf Erwitts Fotografie, unspektakulär bis uninteressant, wie überall dort, wo der Freikörperkult um sich greift und aus Nacktsein Normalität macht. Nicht die unverhüllte Haut, sondern der adrett frisierte Scheitel scheint plötzlich als auffälliges Merkmal. Vielleicht ist es diese Ungezwungenheit, die den Käufer des Fotos im Auktionshaus Bassenge für 1200 Euro zuschlagen ließ.

Vermutlich war es aber auch nur das Gesicht des Nudisten. In diesen Tagen vermag es unser aller Zustand in einem einzigen Blick zu spiegeln: Ausharren und Tee trinken. Eigentlich ist der Sommer ja auch doch ganz schön.