Es herrscht Krieg in Europa. Nein, ich verwende nicht das historische Präsens, um den August 1914 heraufzubeschwören. Was im Osten der Ukraine geschieht, ist Krieg – kein offener zwar, den sich zwei souveräne Staaten erklärt hätten, aber dennoch ein Krieg. Und am Rande Europas, in Syrien, im Irak und im Gazastreifen toben weitere Kriege.

Jahrzehntelang haben wir uns der beruhigenden Vorstellung hingegeben, dass "in Europa seit 1945 Frieden herrscht". Das war schon immer eine Übertreibung. In Teilen Osteuropas hielten bewaffnete Konflikte niederer Intensität bis in die frühen fünfziger Jahre an, 1956 marschierte die Sowjetunion in Ungarn ein, 1968 in der Tschechoslowakei. In den neunziger Jahren zerrissen Kriege das ehemalige Jugoslawien.

Im Kosovo sah ich erstmals die Leichname aus selbst gebastelten Leichensäcken herausragen und das Blut im Schnee. Das Blut war noch frisch, als ich mich mit Ramush Haradinaj unterhielt, einem Kommandeur der albanischen UÇK, der anmerkte: "Eine Mutter Teresa könnte ich nie sein." Später wurde er Premierminister des Kosovos.

Anschließend flog ich nach Westeuropa zurück, wo die Menschen darum stritten, welches Akronym nun den Frieden in Europa "bewahrt" habe: die EU? Die Nato? Vielleicht die OECD, die OSZE oder gar die UN? Die Prämisse war damals schon falsch und ist es heute umso mehr – nein, es herrscht Krieg, in Europa und an seinen ausgefransten Rändern.

Allen Unterschieden zum Trotz haben die schmutzigen Kleinkriege von 2014 etwas Wichtiges mit dem großen Krieg gemein, der 1914 begann: In vielen dieser Konflikte geht es darum, die zusammengeflickten Territorien zu definieren und zu kontrollieren, die von den Vielvölkerreichen, die vor 100 Jahren aufeinanderprallten, und von ihren Nachfolgestaaten hinterlassen wurden.

So dreht sich beispielsweise der Kampf um die östliche Ukraine um die Grenzen des Russischen Reichs. Während der Balkankriege der 1990er Jahre wurde um Puzzleteile von Österreich-Ungarn und des Ottomanischen Reichs gekämpft. Diese Puzzleteile wurden dann in neue, noch kleinere Teile wie Bosnien, das Kosovo und Mazedonien zerlegt.

Viele der heutigen Grenzen im Nahen Osten gehen zurück auf Entscheidungen, die nach dem Ersten Weltkrieg getroffen wurden. Damals formten die westlichen Kolonialmächte aus vielfältigen Teilen des ehemaligen Ottomanischen Reichs neue Protektorate – den Irak, Syrien, Palästina. Die große Ausnahme ist der Staat Israel, aber auch er kann seine Entstehungsgeschichte teilweise auf ein europäisches Imperium zurückführen, das noch über sein Ableben hinaus tödliche Folgen zeitigte, denn das nach Auslöschung der Juden strebende Nazi-Deutschland war die letzte scheußliche Ausgeburt deutschen Rassen- und Territorialimperialismus.

Was wird Europa unternehmen, um die langfristigen Folgen seines eigenen Handelns zu bewältigen? Als Erstes müssen wir uns der Tatsache stellen, dass wir in einer gefährlichen Nachbarschaft leben. Das Modell "Groß-Schweiz" ist weder moralisch noch praktisch vertretbar. Moralisch nicht, weil gerade die Europäer nicht schweigen dürften, wenn Kriegsverbrechen verübt werden. Und praktisch nicht, weil wir uns nicht von den Auswirkungen abkapseln können. Wer heute in Syrien kämpft, ist morgen womöglich als Terrorist in Europa. Wer die kleineren Kriege ignorieren will, sitzt vielleicht eines Tages im Flieger von den Niederlanden nach Malaysia und wird über der Ukraine abgeschossen. Niemand ist sicher.

In der Vergangenheit fungierte die Annektierung eines Territoriums stets als Weckruf, aber die meisten westeuropäischen Staaten schliefen durch, als Putin den Anschluss der Krim vollzog. Der Abschuss von MH 17 am 17. Juli war ein Wendepunkt – nicht zuletzt deshalb, weil die Luftkorridore der Ort sind, wo die Geschäftsleute leben. Es ist unwahrscheinlich, dass Angela Merkel ohne dieses Ereignis die deutsche Öffentlichkeit und die deutsche Geschäftswelt hätte überzeugen können, Putins Russland mit härteren Sanktionen zu belegen. Aber was kann die langsame, sanfte Wirtschaftsmacht der EU gegen die rasch zupackende, harte Macht des Kremls ausrichten? Oder gegen irgendeine derartige Macht im Nahen Osten? Was kann Butter gegen Kanonen bewirken?

Mehr, als man denkt. Auf sich gestellt, kann Europa zwar den Krieg im Nahen Osten nicht beenden; nur durch Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten sowie mit Russland (ausgerechnet!) kann Europa Syrien oder dem Gazastreifen Frieden bringen. Europa ist jedoch mächtig genug, Russland dafür zu bestrafen, dass seine Artillerie – von russischem Boden aus – die reguläre ukrainische Armee beschießt, während diese versucht, ihr eigenes Staatsgebiet zurückzuerobern. Und Europa hat die Macht, die ukrainischen Behörden davon zu überzeugen, eine möglichst großzügige interne Lösung auszuhandeln, sobald die Kontrolle über das eigene Staatsgebiet wiederhergestellt ist. Die Sanktionen, die Europa vergangene Woche vereinbart hat, werden im Laufe der Zeit Wirkung entfalten. Liberale Demokratien reagieren üblicherweise langsamer als Diktaturen und eine freiwillige Gemeinschaft von 28 derartigen Demokratien naturgemäß noch langsamer. Auf die Wirkung von Wirtschaftsmaßnahmen muss man länger warten als auf die von militärischen Maßnahmen, aber letztlich können sie wirkungsvoller sein.

Vor 100 Jahren hatten wir die "Kanonen des Augusts", wie Barbara Tuchman es so prägnant formulierte. Heute haben wir die "Butter des Augusts". Man beachte bitte, welch unterschiedliche Rolle Berlin damals und heute spielte. Allmählich, Schritt für Schritt, macht die Bundesregierung das Richtige. Deutschland wirft das Gewicht seiner wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland in die Waagschale und besteht berechtigterweise darauf, dass Frankreich, Großbritannien und Italien einen Teil der Last tragen. Einige Dinge ändern sich – und manchmal sogar zum Besseren.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz

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