Die Arbeitsgrundlage von Archäologen sind Spuren und Objekte. Sie stammen aus Steinzeitgrotten und Abfallgruben, sie werden aus Flusssedimenten und Gräbern gekratzt. Menschenknochen sind darunter, abgenagte Tierknochen, Faustkeile, Speerspitzen, Nahrungs- und Siedlungsreste. Aus diesem vielfältigen Inventar archäologischer Funde leiten Wissenschaftler die Evolution unseres Verhaltens ab.

Unter dem Dach von Schloss Monrepos laufen die Fäden verschiedenster Projekte zusammen. Aus Grabungen in Dmanisi (Georgien), Gönnersdorf oder Niederbieber stammen die Funde – ergänzt durch Isotopenanalysen, Radiokarbondatierungen oder ballistische Experimente, liefern sie am Ende Beiträge zur Erkundung der Geschichte unserer Spezies.

Das "Schloss der Forscher", wie sich das Archäologische Forschungszentrum der Leibniz-Gemeinschaft nennt, liegt etwas abgelegen, außerhalb der rheinland-pfälzischen Stadt Neuwied. Hier mehren nicht nur die Altertumskundler das Wissen über das Werden menschlichen Verhaltens. In dem schönen Gebäude ist auch das Museum für die Archäologie des Eiszeitalters untergebracht. Doch der museale Wissenstransfer in die breite Öffentlichkeit war drei Jahre lang unterbrochen. Nach aufwendigem Umbau ist nun die neue Dauerausstellung eröffnet, unter dem Namen: "MenschlICHes VERSTEHEN".

Am Anfang geht es 2,5 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit, in die "Zeit des Fressens und Gefressenwerdens, als der Mensch Beute war, sich machtlos fühlte wie der Letzte im Bus", sagt Sabine Gaudzinski-Windheuser, die Leiterin von Monrepos. In ihrer Ausstellung will sie den Besucher im ersten Raum einen Hauch dieser Verunsicherung spüren lassen: Es ist ein vager Beginn im Halbdunkel, eine unüberschaubare Landschaft mit großem Getier und lauernden Gefahren. Der Mensch, noch reines Naturwesen, mit Elefanten und Raubkatzen konfrontiert, kann nur "ausweichen, aber nichts ausrichten" – höchste Zeit für erste Innovationen. Hinter Glas liegt eines der ältesten Werkzeuge der Menschheit, ein Schlagstein, so groß wie eine Billardkugel, gefunden in der Olduvai-Schlucht in Tansania.

Der zweite Raum gehört dem Aufbruch zwischen 1,6 Millionen und 300.000 Jahren vor unserer Zeit. Der neugierige Mensch wird zum "Wunderkind", das Dinge entdeckt und entwickelt. Wurfkugeln, Jagdstrategien, Pyrotechnik. Schließlich die Schöninger Speere und Wurfhölzer, gefunden in Niedersachsen. Doch bereits mit den "Wunderkindern" verliert die Ausstellung nicht nur ihre Zurückhaltung, sondern auch ihre Unschuld. Beim Versuch, mit ambitionierter Interpretation die Dinge einfach zu erklären, wird die Paläoshow unpräzise und platt.

In der folgenden Epoche ist nämlich von "Helden" die Rede, die es gebraucht hätte, damit sich Menschenrudel zu schlagkräftigen Jagdtrupps hätten zusammenfinden können. Diese Helden taugen als multiple Vorbilder: Fürsorglich fütterten sie arthritische, zahnlose Alte durch, machten Großsäugerherden platt, zeigten Wertschätzung. Und weil die Ausstellung als Kernbotschaft unbedingt vermitteln will, dass für unser heutiges Verhalten die Basis in der Steinzeit gelegt worden ist, platziert man hier den Direktvergleich. Neben den Urzeitlern in Vitrinen agieren auf einem Bildschirm die offenbar typischsten Gegenwartshelden, die Feuerwehrmänner des 11. September.

Natürlich stimmt die These, dass wir, und damit auch Brandbekämpfer, Verhaltensmuster aus dem Paläolitikum in uns tragen – aber wie groß ist der Einfluss der aktuellen Umgebung? Und so fragt man, was Retter nach Terroranschlägen mit Jagdpionieren zu tun haben. Erhellend ist das willkürliche Nebeneinander nicht, eher abstrus: hier hungrige Ahnen, da Katastrophenkitsch nach US-amerikanischer Fasson.

Einige Vergleiche sind gelungen. Die Meldung vom Fund eines jahrtausendealten Massengrabs als moderne Nachrichtensendung zu inszenieren ist geistreich. Der Reporter steht vor Ort, im Hintergrund lärmt der Hubschrauber, eingeblendet sind die Kursanstiege damals bereits wichtiger Rohstoffe (Öl und Gold), und am unteren Bildrand flitzen extrahierte Newsinhalte vorbei ("Zahl der Toten steigt auf 34").

Ärgerlich jedoch sind willkürlich datierte Startschüsse: Neid, Gier, Unmenschlichkeit, Gewalt sollen vor 8.000 Jahren in die Welt gekommen sein. Zu viele Erklärungen werden kategorisch abgegeben, obwohl es für sie keine Belege gibt. Etwa wenn verraten wird, was die "Gesellschaftstiere" in Gönnersdorf vor 15 Millennien in ihren Räucherzelten taten: "Für die innere Balance und die Reinigung von Körper und Seele wurden diese Einrichtungen aber auch als Schwitzzelte ähnlich einer Sauna genutzt."

Die Gönnersdorfer widersprechen nicht. Auch die Urheber der rätselhaften eiszeitlichen Gravierungen von La Marche in Frankreich werden im Raum stehen lassen, dass sie angeblich vor 16.000 Jahren Kopulationen und einen Cunnilingus dargestellt haben – so, wie es der als Peepshow inszenierte Blick ins Intimleben der Eiszeitler vermittelt.

Wer das "Schloss der Forscher" besucht, sieht wichtige Fundstücke – im Original oder als Kopie. Er erfährt Basiswissen: Was verraten Skelette, wie datiere ich einen Fund? Doch die Macher haben vergessen, dass unsere Vorstellungen vom Lebensgefühl der Steinzeitler primär aus Nichtwissen bestehen. Gedanken oder Ideen finden sich nicht zwischen Knochenresten und Felsmalereien. Kein philosophischer Gedanke ist überliefert. Leider.

Dieses Wissensvakuum füllen die Ausstellungsmacher gefahrlos mit Wunschdenken auf: "Lust und Leidenschaft bestimmen das Lebensgefühl der Gesellschaftstiere. Ihre Intimsphäre erscheint grenzenlos, Sexualität ist allgegenwärtig, ungezwungen und tabulos." Keiner der damals Beteiligten wird eine Gegendarstellung schicken.

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