Wer nach Ernen kommt, sieht erst mal schwarz: Die Häuser wirken alle wie verbrannt. Sind sie auch. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Sonne das helle Holz der Fichten und Lärchen aus den umliegenden Wäldern nachgedunkelt. Hier, in dem kleinen Walliser Ort in einem grünen Tal, heißen die Häuser Fridolin oder Enzian. Aus den Fenstern hängen die Bettdecken zum Lüften, die Gassen führen hoch und runter und um viele Ecken herum. Und nicht nur im Bioladen gibt es "Waren aller Art" – sogar am Wegesrand findet man sie: Vor einem Wohnhaus liegen selbst gestrickte Socken im Korb, und ein Sparschwein, wer ein Paar kaufen will, wirft 17 Franken hinein.

Die Kirche aber, von außen in schlichtem Weiß, strahlt innen mit goldener barocker Pracht. Und unter einem überlebensgroßen Jesus am Kreuz spielt an diesem Abend ein international besetztes Barockensemble. Die Mezzosopranistin Ann Hallenberg, ein Weltstar, singt dazu – nein, sie scheint ihre Arien fast zu tanzen. Kokett, mit männerherzerweichender Stimme, gibt die große dunkelhaarige Schwedin die Agrippina, Intrigantin und Kaiserin von Rom.

Jeden Sommer wird der 540-Einwohner-Ort Ernen zur Bühne des mehrwöchigen Festivals Musikdorf Ernen mit Barock-, zeitgenössischer Musik und Autorenlesungen. Ein hochkarätiges Event, das viele Besucher mehr schätzen als die Salzburger Festspiele. Weil es in Ernen so entspannt zugeht, ganz ohne Chichi. Tagsüber kann man eine der Generalproben besuchen, die offen sind für jedermann. Oder im umliegenden Landschaftspark wandern. Abends machen manche sich fein fürs Konzert, andere kommen einfach in Jeans. Die Stimmung ist gelöst – auch auf der Bühne: Die junge Cellistin etwa, hochgradig nervös vor ihrem Solo, lässt sich nach gelungenem Auftritt strahlend von der ersten Geige abklatschen.

41 Jahre ist es her, dass György Sebők, gebürtiger Ungar und renommierter Pianist mit Wohnsitz in den Vereinigten Staaten, aus Ernen ein Musikdorf machte. Seine Frau hatte sich in den malerischen Urlaubsort verliebt, doch dem wanderunlustigen Maestro wurde es hier schnell langweilig. Also erfand er sich, unterstützt von Pfarrer und Posthalter, sein eigenes musikalisches Unterhaltungsprogramm, gab Meisterkurse, die in Konzerten mündeten, gründete ein Festival. Aus der ganzen Welt reisten seine Schüler an, um für wenig oder gar kein Geld vor internationalem Publikum zu spielen.

Ernen ist ein Festival der kurzen Wege. Bei den Lesungen im Tellenhaus hört man durchs Fenster die Hühner gackern; und wer von hier unter alten Birnbäumen zum Konzert schlendert, an üppigen Bauerngärten und plätschernden Brunnen vorbei, braucht nur ein, zwei Minuten. Auf dem großen, offenen Dorfplatz, in dessen Zentrum ein Baum mit Bank drum herum steht, sitzt Donna Leon und trinkt einen Kaffee. Anderswo wäre die berühmte Autorin umringt von Fans, hier scheint keiner Notiz von ihr zu nehmen. Man ist an ihren Anblick gewöhnt, sie ist das Zugpferd des Festivals. Zum elften Mal unterrichtet sie in Ernen jetzt schon Literatur – herbeigelockt von ihrer Freundin Ada Pesch, Konzertmeisterin am Zürcher Opernhaus und erste Geigerin im Barockensemble Musikdorf Ernen.

"Ich muss hier nicht unterrichten", sagt Donna Leon, als müsste sie das extra erklären, als hätte sie nicht gerade ihren 22. Brunetti- Bestseller veröffentlicht. Sie kommt aus Freude an der Barockmusik und der Literatur. Aus Begeisterung für ihre Schüler – enthusiastische Laien, die mit ihr über den Großen Gatsby diskutieren wollen. Und wegen der Berge, die so unerschütterlich dastehen, und der Ruhe und Zuverlässigkeit der Schweiz. In Ernen erholt die Amerikanerin und Wahlvenezianerin sich vom Chaos Italiens. "Wenn der Postbus um 16.03 Uhr kommen soll, dann hält er hier auch um 16.03 Uhr."

Dorfauswärts führt die Straße an löwenzahnmümmelnden Ziegen vorbei und an einer Bank, in deren Lehne ein Spruch eingraviert ist. In meiner Kindheit war er in jedem Poesiealbum zu lesen: "Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur." Die Bank steht vor einem Haus, das sich "The M’s Place" nennt. An der Hauswand steht "staatlich geprüfte Senioren-WG".

Ein Scherz, der aber einiges über Ernen aussagt.Die Alten kommen, die Jungen gehen: So könnte man, verkürzt gesagt, die Entwicklung des Ortes zusammenfassen. Weil die Immobilienpreise für Schweizer Verhältnisse günstig sind und der Freizeitwert hoch ist, ziehen Rentner gerne hierher. Die Jüngeren verlassen den Ort nicht nur wegen besserer Ausbildungsmöglichkeiten und Jobs: Vielen ist es langweilig.

Einer, der blieb, obwohl Geschwister, Vettern und Cousinen wegzogen, ist Peter Clausen – ein Ur-Ernener, dessen Familie seit 1200 Jahren hier ansässig ist. Der 51-Jährige führt mich in die winzige Wohnung, in der er aufwuchs. Die drei Clausen-Brüder schliefen in einem Kämmerchen, die drei Schwestern unter dem Dach, einmal in der Woche stieg man in die Badewanne, und die Schule lag auf der anderen Straßenseite. Clausens Eltern hatten ein paar Kühe und Gemüsebeete, übers Dorf verteilt. Noch heute gibt es solche Parzellen, in denen Kohlrabi, Salatköpfe und Zucchini stramm in Reih und Glied wachsen.

Doch das Leben hat sich geändert, mit den Wasserkraftwerken und der Chemiefabrik kam ein gewisser Wohlstand, die Leute bauten sich neue Häuser außerhalb der alten Dorfgrenzen. Und der Bauernsohn Peter Clausen, der 13 Jahre an der hiesigen Grundschule unterrichtet hat, ist heute Dozent an der Pädagogischen Hochschule Wallis in Brig.