Das Ballbesitzgebot des heiligen Pep

Mein Traum von dieser Saison ist eher ein Bitten, ein Flehen: Möge die Ballbesitzreligion des heiligen Pep ein ordentliches Schisma erfahren! Möge es ein paar Abtrünnige geben, die sich mit dem Hin- und Hergeschiebe des Balls rund um den Strafraum nicht länger abfinden wollen – wir sind doch hier nicht beim Handball! Am besten wäre es natürlich, wenn diese Zweifler innerhalb der Guardiola-Kirche selbst aufträten.

Ein bisschen Zwietracht bei den Uli-losen Über-Bayern tut der ganzen Branche gut: Die Fans haben was zu tratschen, die Journalisten was zu schreiben, und die anderen 17 Mannschaften gewinnen endlich das Vertrauen in die bestens belegte statistische Wahrheit zurück, dass immerhin 42,5 Prozent aller Spiele der vermeintlich Schlechtere gewinnt. Für die, die es mit Zahlen nicht so haben: Das ist beinahe die Hälfte! Um dieser Wahrheit eine Bresche zu schlagen, braucht es freilich Mumm, oder, wie man nach der Eroberung Südamerikas durch deutsche Fußballer sagt, cojones, Eier. Wo die zu finden sind, sollte selbst in Paderborn bekannt sein. Und die Münchner sind angreifbar wie selten, weil für sie diesmal ohnehin nur die Champions League zählt: Reicht es dort nicht wenigstens fürs Finale, werden sie, allen Treueschwüren zum Trotz, ihren Papst Pep absetzen.

Falls diese meine Gebete nicht erhört werden, plädiere ich für eine Zeitbegrenzung aller Bayern-Angriffe auf 90 Sekunden. Dann kriegen die anderen den Ball.

Christof Siemes

Ein Lob für die Ruhe von Paderborn

Wenn Fußballhistoriker in dreißig Jahren durch das Kicker- Sonderheft 2014/15 blättern, werden sie sagen: Diese Saison damals fiel in die Zeit vor Beginn der totalen Kommerzialisierung des Fußballs. Bayern wird das ganz oben mit sich selbst ausmachen. Dann kommt Dortmund, denn auch die Dortmunder haben mittlerweile eine doppelte Viererkette. Nicht auf dem Platz, sondern in der Abwehr: eine, die auf der Bank sitzt (Weltmeister Durm, Sokratis, Weltmeister Ginter, Weltmeister Großkreuz), und eine, die auf dem Platz steht (Schmelzer, Weltmeister Hummels, Subotic, Piszczek). Doch auf den weiteren Rängen ist nichts sicher. VW Wolfsburg rüstet mächtig auf, wird aber noch zu uneingespielt über den Platz holpern. SAP Hoffenheim hat Mäzen Hopp und Kevin Volland im Sturm, aber noch nicht genügend Abwehrkraft. Red Bull Leipzig? Ist noch gar nicht in der Liga! Der Geldadel braucht noch etwas Zeit. Die dürfen sich die Fans mit grandiosen Clubs wie dem SC Paderborn vertreiben, der nach 22 Uhr nicht zu Hause spielen darf, weil Anwohner der Lärm stört. Wunderbare Dissidenten! Bitte, liebe Bundesliga, lasst Paderborn auch mal gewinnen – damit der totale Siegeszug des Turbokapitals noch etwas auf sich warten lässt.

Kilian Troitier

Wenn David auf Goliath trifft

Es gibt Stimmen, die jetzt die große Langeweile kommen sehen. Blödsinn. Immer noch gilt: "Entscheidend is aufm Platz." Und man muss nur zwei Plätze näher anschauen, um zu ahnen, dass jede Menge Spannung garantiert ist. Zur besseren Einordnung hier kurz mal die Fakten.

Allianz Arena, München-Fröttmaning: insgesamt 71 137 Plätze, 106 unterschiedlich große Logen mit 1375 Plätzen. 28 Kioske. 54 Ticketschalter. 550 WC-Kabinen. 2 Fan-Restaurants à 1000 Plätze.

Benteler-Arena, Paderborn, 15 000 Plätze, davon Sitzplätze: 5800. VIP-Plätze: 1080. Logen: 0. Fahrrad-Parkplätze: 2000. Anzeigentafeln: 2. Imbissbuden: 16. "Eine Kapazitätserhöhung ist vorerst nicht geplant", sagt Martin Hornberger, geschäftsführender Vizepräsident des Bundesliganeulings SC Paderborn 07, und lobt: "Das Stadion ist sehr kompakt sowie wirtschaftlich günstig." Dazu trägt bei, dass der Rasen nicht mithilfe von Schablonen gestutzt wird, nein: Hier mäht der Platzwart noch selbst.

Wenn nicht alles täuscht, passt die Benteler-Arena etwa fünf Mal in die Allianz Arena. Aber was bedeutet schon Größe? Ganz unvergleichlich ist die Paderborner Atmosphäre. Zumal der Abstand der Zuschauer zum Spielfeld gerade mal 1,50 Meter beträgt – kein Vergleich mit den 7,50 Metern in München-Fröttmaning. Eine Distanz, die mitunter frösteln lässt. Ganz Paderborn jedenfalls freut sich schon auf das Spiel des FC Bayern im kuschligen Benteler-Stadion. Die Tickets für den 21. Februar 2015 kosten 60 Euro.

Anna von Münchhausen